Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.02.09, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Normal

Der Kunstfreund, der fasziniert vor der berühmten Skulptur der Laokoon-Gruppe im Vatikanischen Museum steht, merkt überhaupt nicht oder höchstens auf den dritten,

vierten Blick, dass da der eine oder andere Arm fehlt. Von der nicht minder berühmten Venus von Milo will ich gar nicht erst reden.

Wer hingegen als Einarmiger in die Straßenbahn steigt, erregt noch immer Aufsehen. Entweder starren einen die andern an. Oder sie starren so angestrengt weg, dass es fast schon angenehmer wäre, sie würden hin starren. Am unverkrampftesten reagierte neulich das vielleicht fünfjährige Mädchen, das laut und vernehmlich „Der arme Mann“ durch die Bahn krähte. Der arme Mann bekam damit wenigstens die Gelegenheit, die Kleine anzusprechen und ihr zu erklären: Weißt du, ich bin gar nicht arm. Ich hab bloß einen weniger als du.

Ganz ähnliches erlebt eine meiner Kolleginnen. Sie ist Rollstuhlfahrerin, arbeitet im Sekretariat und hat von morgens bis abends mit Publikumsverkehr zu tun. Will sie einem Kunden freundlich beim Ausfüllen eines Formulars oder bei der Vermittlung in eine andere Abteilung behilflich sein, heißt es immer mal wieder entgeistert: Ja, können Sie das denn? Da kann selbst die freundliche Kollegin gelegentlich unwirsch werden und erklären: Hören Sie, ich leide an Querschnittslähmung und nicht an Gehirnerweichung.

Dass jemand finanziell gut aufgestellt und gesund und tüchtig und erfolgreich und glücklich ist, kommt in dieser Vollständigkeit selten vor. Trotzdem halten wir genau dies üblicherweise für „normal“. Wenn hingegen jemand irgendein Gebrechen hat, verführt uns der Vollständigkeitswahn umgekehrt zu der Schlussfolgerung, so jemand sei generell lebensuntüchtig. Und das wiederum erzeugt eine Mischung aus Mitleid und Hilfsbereitschaft, die natürlich nur gut gemeint ist – dem Gegenüber aber sein Handicap erst Recht unter die Nase reibt.

„Normal“ kommt von Norm. Und Normen sind, wie alle gesellschaftlichen Übereinkünfte, nicht nur von praktischen Gesichtspunkten, sondern auch von Moden, vom Zufall abhängig und funktionieren meist nur über einen kürzeren oder längeren Zeitraum. Was allein in der Zeitspanne meines eigenen Lebens schon alles als gesund oder krank, als Glück oder Unglück, als Regel oder Ausnahme gegolten hat, geht auf keine Kuhhaut.

Einer wie Jesus von Nazareth fand es normal, seinen Freundeskreis aus Zöllnern und Sündern zusammenzustellen und sich vorwiegend mit Blinden, Lahmen und Tauben abzugeben. Nachdem ihn seine permanente Durchbrechung der Normen ans Kreuz gebracht hatte, verkündigte die erste Christenheit ausgerechnet diesen Tod als den Schlüssel zum wahren Leben. Christen glauben seitdem, dass jeder Mensch von Gott geliebt und wertvoll ist. Ob er normal ist, spielt dagegen keine Rolle.

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