Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.02.09, Pastor Wolfram Krebs

Flugtag

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Seit ich als Junge mal ein Buch über eine Möwe namens Jonathan gelesen hatte, schwärme ich etwas vom Fliegen.

Nicht so sehr von vollgestopften Verkehrsfliegern. Bei meinen seltenen Aufenthalten in Billigfliegern wächst eher mein Mitleid mit den armen Kreaturen, die in engen Käfigen ihr kurzes und karges Leben fristen müssen. Aber so mit einem Segelflugzeug durch die Lüfte gleiten, frei wie ein Vogel und ohne dröhnende Motoren ganz dem Wind und der eigenen Flugkunst ausgeliefert, das wäre doch was.

Sehr begeistert nahm ich mit meiner Familie also die Einladung zum Segelfliegen an. Mein guter Bekannter war zudem ein sehr erfahrener Flieger und das Fluggerät auf allerneustem Stand. Meine Familie absolvierte ihre Flüge teils mit großer Aufregung, teils mit stoischer Gelassenheit, die Temperamente sind halt verschieden. Nun war ich an der Reihe.

Bei einem modernen Segelflugzeug handelt es sich keineswegs um eine Sperrholzkonstruktion auf gehobenem Heimwerkerniveau. Das ist reine High - tec, ein beeindruckendes Cockpit mit neuester Elektronik, exotische Werkstoffe und edelste Verarbeitung: So ein Edelgerät muss sich hinter keinem Motorflieger verstecken. Auch der Preis liegt auf schwindelndem Niveau. Der Start vom Katapultseil gefiel mir, die kurze Zeit reinen Gleitens durch ruhige Lüfte auch.

Doch dann begann mein Bekannter mir die wundersamen Flugeigenschaften seines Fliegers zu demonstrieren. Beeindruckend, wie eng die Kurven sind, mit denen sich ein Segelflugzeug nach oben schrauben kann. Vom Fast – Stillstand bis zum beschleunigenden Absturz: So genau wollte ich das eigentlich gar nicht wissen und langsam überlegte ich mir, wie ich meinen Bekannten auf mein Motorrad locken könnte um mich lustvoll zu rächen. Dann hatte ich aber schnell ganz andere Probleme, die ich hier nicht näher beschreiben möchte und als ich bald darauf käsebleich auf sicherem Boden war, schlich ich mit wackligen Knien aus dem Flieger, nicht nur um einen Jugendtraum erleichtert.

Ich hab oft über dieses Erlebnis nachgedacht, nicht allein deshalb, weil meine Kinder mich ab und an mit maliziösem Lächeln daran erinnern. Ich fürchte mir fällt das ungeheuer schwer, mich vertrauensvoll in die Hände anderer Menschen zu begeben. In solch hilfloser Lage sträubt sich wahrhaft alles in mir. Ob mein Vertrauen auf Gott genau so gering ist? Dem vertraue ich ja auch mein Leben an. Ob ich gesund bin, ob ich lebe und was nach diesem Leben sein wird, davon liegt ja auch nur sehr wenig in meinen Händen. Ich fürchte ich bin meilenweit entfernt von der Haltung meines besten Freundes.

Als bei hohem Tempo auf der Autobahn ein Hinterreifen seines Wagens platzte, geriet er in heftiges Schleudern. Als er merkte, dass er nichts mehr machen konnte, nahm er die Hände vom Lenkrad, schloss die Augen und betete: „Jetzt mach du mal, Herr.“ Sein Auto durchbrach die Leitplanke, überschlug sich mehrfach, knallte gegen einen Baum und blieb endlich auf dem Dach liegen. Als wir uns das Wrack später ansahen, wurden wir alle sehr einsilbig. Was mit meinem Freund geschehen ist? Er hat sich beim Lösen des Sicherheitsgurtes leicht den Kopf gestoßen. Sonst nichts.

Audiobeitrag Flugtag


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