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Die schönen Leute
Ich hab mich ja schließlich noch schön machen müssen, sagt SIE, wenn es eine Viertelstunde zu spät geworden ist. Du bist schön genug hätte ER
vielleicht vor zwanzig Jahren geantwortet. Heute bestimmt nicht mehr, weil die Sache mit der Schönheit eine höchst ernste Angelegenheit geworden ist, die weit mehr Lebensbereiche betrifft als bloß den klischeehaften Dialog vor dem Kinobesuch. Schönheit ist längst ein flächendeckend regierendes Ideal. Alles will und vor allem: soll irgendwie schön sein wobei die Vorstellung davon, was schön ist, vorwiegend aus den Medien stammt.
Musik: Schöne Leute sieht man öfters in der Zeitung, meistens in noch schönerer Begleitung. Sie sind gejagt von dem Gedanken, was man anzieht, denn es gibt sie nur, wenn man sie ansieht, die schönen Leute, die schönen Leute...
Zwanzig Jahre ist dieses Lied von Konstantin Wecker alt und aktuell wie nie. Eigentlich muss man nur Zeitung durch Fernsehen ersetzen. Wer schön ist, bestimmt Heidi Klum. Wer schön singt, bestimmt Dieter Bohlen. Und das Ganze gibts, weil wir's uns ansehen.
Musik: Und die andern hocken stumm in ihren Ecken und versuchen, ihre Wampen zu verstecken, schämen sich für ihre krummen Beine, fühl'n sich ausgestoßen und alleine, und sie wär'n so gerne, wie man eben heute auszusehen hat, so wie die schönen Leute.
In Zeiten von Rezession, Arbeitslosigkeit und Hartz-IV gibt es noch sehr viel Hässlicheres zu sehen als dicke Wampen und krumme Beine. Um das wirklich zu begreifen, müssten die, die nicht davon betroffen sind, allerdings hinsehen. Das ist nicht so einfach. Im modernen Fürsor¬gestaat ist die Armut gut versteckt. Sichtbar wird sie bestenfalls in realitätsfernen Dokusoaps, in denen der bis zum Abwinken einfühlsame Sozialarbeiter die drogensüchtigen Ausreißer von der Straße holt. Das ist unterhaltsam und stört nicht weiter.
Musik: Und während andre ihre Armut gut verstecken und still und heimlich vor sich hin verrecken, machen wir die Beine breit für jede Mode und amüsieren uns zu Tode. Wir schönen Leute, wir schönen Leute...
Es geht nicht darum, das Schöne hässlich zu machen. Und mit billigen moralischen Zeigefingern nach Germany's Next Topmodel zu werfen ist ebenso albern, wie den Schuldnerberater Peter Zwegat aus medienkritischen Gründen zu verwerfen. Christinnen und Christen haben, glaube ich, eine andere Aufgabe. Nämlich immer wieder daran zu erinnern, dass es neben der Schönheit auch noch ein paar andere Ideale gibt, ohne die eine Gesellschaft nicht lebensfähig ist. Gerechtigkeit zum Beispiel. Oder Solidarität. Und vor allem, so altbacken es auch klingen mag: Nächstenliebe.
Musik: Konstantin Wecker, Die schönen Leute; aus: Stilles Glück, trautes Heim; Track 11; 1989 Global Musicon, LC-Nr. 7601.
Die schönen Leute
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