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Glaubensfrage
Eine Frau zersticht ein Kopfkissen. Schüttelt die Federn aus. Der Wind wirbelt sie davon. Wer könnte all die Federn wieder einfangen? Niemand.
Ein poetisches Bild findet der Film Glaubensfrage für die Wirkung von übler Nachrede. Und verstrickt dabei den Zuschauer geschickt in die Geschichte. Hat er nun oder hat er nicht? Der Film spielt im Jahre 1964. Wir sehen ein traumatisiertes Amerika kurz nach dem Kennedy-Attentat. Die Bürgerrechtsbewegung kämpft für die Gleichstellung der Schwarzen, in der katholischen Kirche beginnt ein Reformprozeß, an vielen Ecken brodelt es. Bespielhaft verdichtet wird diese gesellschaftliche Umbruchssituation an einer katholischen Schule in der Bronx, geführt von Nonnen. Da sind die hallenden Gänge und das polierte Holz der Türen. Da atmet die Schuluniform das Wissen und die Moral vieler Generationen, die hier die Bänke drückten. Aber da sitzt auch der erste schwarze Schüler unter ihnen. Da kommt auch die Tanzlehrerin in den Schulunterricht:
O-Ton Tanzlehrerin: Und eins, zwei, drei..
Pater Flynn: Es sind neue Zeiten, Schwester. Die Kirche muss sich ändern.
Mit zusammengekniffenen Lippen bewacht die Schulleiterin Schwester Aloysius das schulische Treiben. Sie will das Beste für ihre Schüler und sie weiß, wie diszipliniert ihre Schüler sein müssen, um es im Leben zu etwas zu bringen. Dabei wirkt sie überaus sympathisch altmodisch, wie sie sich gegen die neue Zeit stemmt. Schon der Einsatz von Kugelschreibern ist ihr suspekt. Erst recht Pater Flynn. Jung und genussfreudig, steht er für die neue Zeit, mit neuen Ideen auch für die Schulweihnachtsfeier.
O-Ton Pater Flynn: Es wäre mal ganz schön ein weltliches Lied mit hinein zu nehmen.
Aloysius: Was für einen Sinn hätte so ein weltliches Lied?
Pater Flynn: Spass.
Rührend bemüht Pater Flynn sich um den schwarzen Schüler, der ein Außenseiter bleibt. Allzu rührend? Eine Nonne riecht Alkohol im Atem des verstörten Jungen. Kurz davor war er im Arbeitszimmer des Paters. Was ist hinter diesen Türen geschehen?
O-Ton Pater Flynn: Nichts. Ich habe mich nur mit ihm unterhalten.
Aloysius: Worüber?
Pater Flynn: Eine private Angelegenheit.
Aloysius: Der Junge ist 12. Was kann da privat sein?
Der Verdacht des sexuellen Missbrauchs wird nicht offen ausgesprochen. Aber er steht im Raum.
O-Ton Pater Flynn: Sie haben nicht den geringsten Beweis. Nicht den geringsten.
Aloysius: Aber ich habe meine Gewissheit!
Schwester Aloysius zweifelt nicht. Sie betreibt Flynns Entfernung aus der Schule. Und wird am Ende nicht mehr wissen, wo ihre berechtigte Fürsorge für den Schüler aufhörte und ihre Rufmordkampagne an dem beliebten Pater begann. Bei der Mutter des angeblich missbrauchten Jungen stößt sie damit auf taube Ohren. Die will Zweifel erst gar nicht aufkommen lassen, weil ihr Sohn doppelt diskriminiert wird. Als Schwarzer und als Homosexueller.
O-Ton Mutter: Mein Junge ist zu ihnen gekommen, weil sie ihn auf einer öffentlichen Schule umgebracht hätten. Nur ein Mensch ist gut zu ihm. Dieser Priester. Und hat der Mann seine Gründe? Ja! Die hat ja wohl jeder.
Hat Schwester Aloysius nicht doch recht? Das Bild des Sympathieträger Flynn hat auch seine Brüche. Immer wieder werde als Zuschauer aufs moralische Glatteis geführt. Urteile sind trügerisch und die daraus gewonnenen Sicherheiten erst recht. Wer sich dem Zweifel an den eigenen Überzeugungen verweigert, der wird am Ende daran verzweifeln. Für mich ist der Film eine sehenswerte Umsetzung des schönen Jesuwortes: Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken im deinem Auge siehst du nicht.
Glaubensfrage
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