| |
Urgeschichte
Liebe Hörerinnen und Hörer. In meiner Kindheit wurde am Sonntag nach dem Mittagessen eine Andacht gehalten. Mein Vater las einen Bibeltext vor und sprach dann ein Gebet.
Einmal las er die Geschichte von Adam und Eva und ihrer Vertreibung aus dem Paradies. Da brach es aus meiner temperamentvollen Mutter hervor: Also ich könnte die beiden links und rechts watschen, wenn ich mir überlege, was die uns verdorben haben!
Das hat mich damals tief beeindruckt, denn ich wusste genau, was Adam und Eva geblüht hätte, wenn sie meiner Mutter in die Finger geraten wären. Nun kann man natürlich sagen: Was gehen mich diese eher legendären Gestalten der Vorzeit an?
Ob es sich bei ihrem Zankapfel nun um eine Tomate oder einen Apfel gehandelt hat, finde ich völlig nebensächlich. Man kann sich auch darüber streiten, ob es sich bei den beiden um historische Personen oder eher symbolische Figuren handelt. Unbestreitbar aber haben diese beiden mehr mit mir heute zu tun, als mir lieb sein kann: Alles ist ihnen gegeben, wahrhaft paradiesische Zustände erfreuen sie, aber die beiden Bäume, die ihnen verboten sind, locken mehr, als alles andere.
Wie liebevoll kann denn ein Gott sein, der diese glänzenden Früchte vor die Nase setzt und sie ihnen gleichzeitig vorenthält? Und klug machen sie auch, diese verlockenden Kostbarkeiten. Schon ist eine Frucht gepflückt und verkostet, die Grenze ist überschritten. Flugs greift der nächste altbekannte Zusammenhang: Wenn alle anderen das Verbotene tun, dann wird es schon nicht so schlimm werden mit den Konsequenzen. Nachstehen will Adam seiner Eva auch nicht. Und schon erkennen beide, dass sie nackt sind. Will sagen: mit der paradiesischen Unbefangenheit ist es endgültig vorbei. Auch vor Gott verstecken sie sich nun.
Der stellt sie zur Rede. Was wäre wohl gewesen, wenn Adam die Verantwortung für die Tat übernommen hätte, wenn er gesagt hätte: Es tut mir leid, du hast es uns verboten, ich weiß ja, aber wir haben es doch getan, vergib uns bitte. Wer das für eine naheliegende Lösung hält, weiß nichts von der Natur des Menschen. Die Bibel kennt uns besser. Die Frau, die du mir gabst, ist schuld. Und Eva? Die Schlange, dein Geschöpf, die wars. Schuld eingestehen, verarbeiten? Ach was, sie wird abgeschoben, zuletzt ist Gott an allem Schuld. Und so werden alle Urbeziehungen unheil, die uns Menschen prägen: Die zu Gott, die Beziehung zum anderen, die Beziehung zur Natur und die zu unserer eigenen Geschichte. Das Ende ist bekannt, wir leben nicht im Paradies. Und alle menschlichen Versuche, ein Paradies zu schaffen, haben eher die Hölle heraufbeschworen.
Diese Urgeschichte kenne ich, und zwar aus meinem eigenen Erleben. Aber die Fortsetzung kenne ich auch. Dass vieles in meinem Leben heil wird, weil Jesus Christus meine Beziehung zu Gott heilt. Dass ich zu meiner Schuld stehen kann, weil er sie bezahlt. Ich kann das erleben, dass nicht der Streit, sondern die Versöhnung das letzte Wort zwischen Menschen bleibt. Und das letzte Wort Gottes an uns ist nicht die Vertreibung. Das letzte Wort Gottes ist das Versprechen eines neuen Himmels und einer neuen Erde, die der Vorstellung vom alten Paradies in nichts nachstehen werden.
Urgeschichte
|