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Ohne die Liebe ist alles nichts
Bitte sorgen Sie als Präses unserer westfälischen Landeskirche dafür, dass wieder überzeugte Pfarrer auf den Kanzeln stehen, schrieb mir ein besorgtes Gemeindeglied.
Und weiter: Wir brauchen wieder Pfarrer, die mitreissend predigen, selber ohne Zweifel glauben, ihrer Sache sicher sind und auch überzeugend tun, was sie sagen. Nur wer selber hunderprozentig überzeugt ist, kann auch andere überzeugen. Wenn sie in der Leitung für solche Pastoren sorgen, dann werden unsere Kirchen auch wieder voll sein.
Ähnliche Briefe kommen des öfteren. Ich verstehe das Anliegen -und weiß doch nicht so recht, wie ich darauf antworten soll. Selbstverständlich liegt mir an glaubwürdigen und überzeugend agierenden Pfarrerinnen und Pfarrern, an ausstrahlenden Gottesdiensten, an lebendigen Gemeinden. Aber wann und wie ist ein Christenmensch glaubwürdig und überzeugend? Glaubensfest und selbstsicher auftretende Menschen mit geschliffener Rhetorik und entschlossenem Handeln beeindrucken zweifellos. Und sie können in anderen den Wunsch auslösen: So wäre ich auch gerne, so überzeugt, so selbstgewiss, so über den Dingen stehend - dann hätte ich doch die Probleme im Griff und wäre von allen Zweifeln frei.
Als der Apostel Paulus sein Lied von der Liebe schrieb, standen ihm Menschen vor Augen, die die Dinge im Griff hatten. Paulus selbst hatte die Gemeinde in Korinth gegründet, der quirligen Hafenstadt - aber nun hatten glaubenssichere Rhetoriker in ihr das Sagen. Neben ihnen wirkte der Völkerapostel Paulus wie eine blasse, unscheinbare Figur mit schwerer Zunge. Siegesgewiß wußten sie von der Auferstehung zu reden, Leid und Tod lagen schon hinter ihnen, weil sie doch zu Christus gehörten. Sie wähnten sich auf dem Weg zum Himmel und sprachen schon die Sprache der Engel.
Ihr Reden und Tun stehen Paulus vor Augen, als er sein Lied anstimmt:
Sprecherin: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete...
Präses: wie ihr siegesgewissen Korinther.
Sprecherin: Wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte... Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe den Leib brennen...
Präses: Erhabener und höher kann man von Menschen kaum reden als es Paulus von den glaubensicheren Korinthern tut. Wie siegesgewisse Wellen rollen seine Sätze an. Und zerschellen doch urplötzlich am schlichten Nachsatz:
Sprecherin: und hätte die Liebe nicht...
Präses: Die selbstsicheren Wellen verebben zu nichts:
Sprecherin: und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts - so wäre mirs nichts nütze.
Präses: Ohne Liebe ist alles nichts.
Ja, wenn ein Mensch geboren wird, dann kommt er mit zwei geballten Fäustchen zur Welt, als wollte er sagen: Packen wirs an.
Sprecherin: Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind,
Präses: schreibt Paulus. Es ist ein Privileg der Jugend zu fragen: wo stehen die Bäume, die wir ausreißen, wo sind die Berge, die wir versetzen, wo sind die Codes, die wir knacken sollen?
Sprecherin: Als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Präses: Die Einsicht wächst: wir haben nicht alles im Griff. Wir könnten Großsponsor, Wirtschaftsweiser, Bergeversetzer, ein toller Hecht oder (weiblich) eine tolle Forelle sein, es wäre nichts nütze. Wir können nicht in den Himmel laufen: erst recht nicht durch Kamikaze oder Selbstverbrennung. Wir können uns in Pirouetten wohl in beeindruckende Höhen schrauben wie die Korinther. Aber verdrehen uns dabei doch nur in uns selbst: So wäre ich nichts.
Beispiele dafür stehen uns zahlreich vor Augen, obenauf aus der Welt der schnellen Rendite. Aber auch im kleinen Alltag sehen wir uns zu Höherem getrieben, um das Leben in den Griff zu bekommen. Selbst die Freizeit gilt es toll zu gestalten: womit können wir uns zeigen, was sollen wir essen, was werden wir trinken, womit sollen wir uns kleiden?
Wer bei diesen Pirouetten - auf dem Weg zum Himmel hoch - nicht mitkommt, der muss zurückbleiben in den Niederungen, muss sehen, wie er zurechtkommt im Alltag mit seinen Herausforderungen, Anfeindungen und auch Demütigungen. Und wer in den Bruchstücken seines Lebens nichts Ganzes und Heiles findet, muss mit seinen Zweifeln und Verzweiflungen alleine fertig werden.
Es fehlt das Entscheidende. Es fehlt, was unser Leben trägt. Paulus spricht es an: Und hätte die Liebe nicht...
Jetzt weiß ich, dass er Otto hieß. Ich las es vor vier Wochen in der Zeitung. Sie schrieb, er sei tot. Auch ich hatte ihn gekannt - nein, nicht gekannt - des Öfteren gesehen, wie der ältere, hagere Mann mit seinem bepackten Fahrrad durch den Stadtteil zog, Mülleimer nach Brauchbarem durchsuchte, Hilfsarbeiten übernahm, Waren transportierte oder den Hof fegte. Bei uns fehlt jetzt einer, sagte der Bezirkspolizist. Otto war Waisen- oder Findelkind. Seine Pfarrerin schrieb mir jetzt:
Sprecherin: Er hatte ein schweres Schicksal. Zeitweise litt er unter Wahnvorstellungen und Halluzinationen, die manchmal Todesnot bei ihm auslösten. Dann kam er zu uns in die Gemeinde oder ging zu Polizei oder Sozialdienst... Aber man musste kein Mitleid mit ihm haben, denn er hat es selbst geschafft, sich ein soziales Netz aufzubauen. Er war stolz, wenn er in unserer Gemeinde ein paar Kleinigkeiten erledigen konnte.
Präses: Die Gemeinde lud zum Trauergottesdienst mit anschließender Kaffeetafel ein. Abschied von einem Freund titelte die Zeitung. Die Pfarrerin schrieb:
Sprecherin: Mehr als 100 Personen sind gekommen: Gemeindeglieder, Freunde von Otto, Mitarbeiterinnen der Bäckerei, wo er täglich war, eine ganze Reihe Polizisten, Bedienstete der Stadt und manche einfach so. Es war für mich ohne zu übertreiben- die wunderbarste Gottesdienstgemeinschaft, die ich bisher erleben durfte: Alle keine geübten Gottesdienstbesucher, aber alle unheimlich offen und bewegt.... Ich habe nun eine Ahnung davon bekommen, wie es zur Zeit der ersten Christen gewesen sein muss... All das hat Otto geschafft. Wie? Darüber denke ich seit Tagen nach.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, schreibt Paulus, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie schlägt kein Rad wie ein Pfau, sie stellt sich nicht selber ins Schaufenster. Die Liebe sucht nicht das Ihre... sie will nicht auf ihre Kosten kommen, fragt nicht, was hab ich davon. Wo die Liebe erwacht, stirbt das Ich, das immer nur sich selber sucht - dieser dunkle Despot. In der Liebe wird das Ich sich selbst los; schwindet die alte Nähe, in der ich mir selbst der Nächste war.
Sprecherin: Doch wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
MUSIK
Ohne die Liebe ist alles nichts. Wer liebt, kann sich selbst verlassen. Kann sich von sich selbst abwenden und dem anderen zuwenden. Ganz ohne Anstrengung, wie von selbst, geht plötzlich, was sonst gar nicht geht. Und das Selbst bekommt sich, indem es liebt auf wundersame Weise- reicher beschenkt zurück. Paulus schreibt sogar: Die Liebe hört niemals auf...
Aber ist das denn wahr? Kann man der Liebe trauen? Unsere Erfahrung sagt doch anderes. Vergänglich ist die Liebe! Vieles kreuzt der Liebe den Weg. Nicht nur Menschen wie Otto wissen davon bittere Lieder zu singen. In unseren Beratungsstellen kommt ans Licht, wie sehr die Liebe in Not gerät, an jedem Tag. Wir ihr Gewalt angetan wird in allen gesellschaftlichen Milieus. Wie Armut und Arbeitslosigkeit ausgrenzen. Was Einsamkeit anrichtet. Wie Sucht Menschen auffrisst. Wie tief Lebensängste verstören.
Die Liebe zerrinnt. Und wo die Liebe zerrinnt, wird das Leben brüchig. Wer aber in den Bruchstücken des Lebens nichts Ganzes und Heiles mehr findet, muss mit seinen Zweifeln und Verzweiflungen fertig werden. Denn die Liebe hört auf! Stückwerk nennt es Paulus. Und er schreibt:
Sprecherin: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild...
Im Spiegel sehen wir zwar die Wirklichkeit. Aber wir sehen sie seitenverkehrt. Wir sehen eine verkehrte Welt. Und in einem blind gewordenen Spiegel erscheint sie uns nur noch dunkel und verschwommen.
Verkehrte Welt - auch auf den Strassen und Plätzen. Die Narren haben das Zepter übernommen. Pleitegeier überall wir feiern trotzdem Karneval heißt es hier in Gelsenkirchen. Die Welt wird auf den Kopf gestellt: die Narren haben die Rathäuser gestürmt. Aber Macht, Leben und Liebe sind kurz und vergänglich. Darum noch einmal in vollen Zügen genießen. Die Liebe zerrinnt und das Leben vergeht, singt der Karneval: Wie schön es auch sei auch mit der Liebe ist es einmal vorbei!
Verkehrte Welt allerorten. Und doch hält Paulus dagegen:
Sprecherin: Die Liebe hört niemals auf... Präses: Ja, fast trotzig setzt er noch eins drauf:
Sprecherin: Die Liebe lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu..., sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, die duldet alles.
Präses: Die Liebe lässt sich ins Gesicht spucken, lässt sich verhöhnen, verspotten, zum Narren halten mit einer Dornenkrone, lässt sich geißeln, auspeitschen, kreuzigen...
Wir spüren längst: das ist nicht unser Porträt. Paulus zeichnet hier die Gestalt und die Gesichtszüge Christi. Aber so sieht doch die Liebe nicht aus: geschunden, gefoltert, zerschlagen. Das ist doch das schiere Gegenteil. Verkehrte Welt.
Der Glaube muss der Liebe zu Hilfe kommen. Der Glaube, dass Gott selbst aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann. Wenn wir Christus anschauen, dann schaut Gott uns an. Die Liebe hört niemals auf, weil Gott nicht aufhört, für uns da zu sein. Christus sind die Verwundungen, die das Leben uns schlagen kann, auf den Leib geschrieben. Wenn uns etwas davon überfällt, so will er verborgen mit dabei sein, nur ein Wort weit, ein Gebet weit, ein Seufzen weit entfernt.
Und doch sehen wir hier auch Gott nur in einem dunklen Spiegel. Aber die Hoffnung kommt der Liebe zu Hilfe. Sie sieht durch den begrenzten Horizont hindurch.
Sprecherin: Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Präses: Wie ich von Gott von allem Anfang erkannt und anerkannt bin als sein geliebtes Geschöpf.
Sprecherin: Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
Präses: Ja, wenn die Sonne aufgeht, dann erlöschen alle anderen Lichter. Dann werden wir Gott schauen von Angesicht zu Angesicht.
Sprecherin: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.
Präses: In der Liebe können wir uns von uns selbst abwenden und dem anderen zuwenden. Ganz ohne Anstrengung, wie von selbst geht plötzlich, was sonst gar nicht geht. Wie beim Trauergottesdienst für Otto: Alle keine geübten Gottesdienstbesucher, aber alle unheimlich offen und bewegt...
Die Liebe hat nur eins im Sinn: sie will sich unter uns ausbreiten und will sich erfüllen. Schon hier und jetzt! Darum ist sie die Größte - sie ist die Brücke zwischen dieser und der kommenden Welt. Denn Gott ist Liebe. Amen
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 10.04.2009 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Stadtkirche Westerkappeln übertragen. Die Predigt hält der Pfarrer Reiner Ströver.

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