| |
Liebe, die nicht vom Himmel fällt
Meine Freundin Karla ist das, was man landläufig als attraktive Frau bezeichnet. Grüne Augen blitzen unternehmungslustig in die Welt. Ihr Mund verrät, dass sie gerne lacht.
Und die kleine Falten um die Augen, dass sie nun jenseits der magischen Zahl 49 angelangt ist. Sie hat eine 19jährige Tochter, einen Beruf und einen großen Freundeskreis. Sie hat ein Theaterabo, geht in ein Fitnessstudio, unternimmt Bildungsreisen, engagiert sich für ehrenamtlich für einen Kunstverein. Was sie nicht hat, ist ein Lebenspartner. Karla ist Single. So nennt das die offizielle Sprachregelung.
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Kerstin Hanke, ich bin Pfarrerin und ich lebe in Bochum. Etwa 14 Millionen Singles soll es in Deutschland geben. Und wenn ich den statistischen Prognosen glauben schenken soll, werden es in den nächsten Jahren noch mehr werden.
Wenn ich mir die kirchlichen Angebote in Ruhrgebiet ansehe, finde ich viele Angebote für Familien und Senioren. Warum ist das so, fragt sich nur Karla. Ich kann mich bei Schulden und bei Erziehungsfragen, bei Paarproblemen beraten lassen. Aber wo werde ich als partnersuchender Mensch wahrgenommen?
Dann lächelt sie ein wenig schief, kramt sie in ihren CDs und legt ein altes Stück von Billie Holliday auf:
Musik: Ella Fitzgerald und Billie Holliday, Lover Man I don't know why but I'm feeling so sad I long to try something I never had never had no kissin' Oh, what I've been missin' Lover man, oh, where can you be?
Wo steckt nur der besondere Mensch, den ich suche und den ich nicht finde. Karla trifft ihn nicht im der Theaterpause, im Büro oder an der Schlange der Baumarktkasse. Such doch im Internet, drängt sie ihre 19jährige Tochter. Bücher im Netz kaufen, Kinokarten, Flüge buchen, Leute kennenlernen ist für ihre Generation längst der Normalfall. Karla tut sich da schwerer. Also lädt sie ihre besten Freundinnen ein, und mit unserer Unterstützung entwirft sie ihre erste Partnerschaftsanzeige bei einer Online-Partnerbörse. Sie beantwortet die Fragen zu ihren Vorlieben und bastelt an den Kriterien ihres Traummannes.
Jeden Abend checkt sie nun ihr Email Fach. Kuschelbär53, das HB-Männchen und JuristHeiner schreiben ihr. Sie antwortet gewissenhaft. Der eine ist verheiratet, mit dem Zweiten wird sie nicht recht warm, mit dem Dritten trifft sich Karla nach zwanzig Email und einem Telefonat auf einen Kaffee. Er ist ein netter Kerl, berichtet sie uns am Abend. Der nette Kerl ruft nicht wieder an. Dass im anonymen Netz viel geflunkert wird, dass einige Männer nur ihren Marktwert testen wollen, findet sie schnell heraus. Es finden sich auch immer wieder nette Gesprächspartner. Doch nett reicht eben nicht. Karla löscht ihr Benutzerkonto. Liebe in Zeiten des Internet, das mag für andere sein. Für sie taugt es nicht.
Musik: Ella Fitzgerald und Billie Holliday, Lover Man Lover man, oh, where can you be?
Warum hilft die Kirche nicht bei der Partnervermittlung? Fragt Karla. Das alte Geschäft des Brautwerbers findet sich schliesslich doch schon in der Bibel. Bestes Beispiel ist dafür die Geschichte von Rebekka und Isaak:
40 Jahre alt ist Isaak und hängt immer noch an Vaters Rockschößen. Der hochbetagte Abraham ergreift die die Initiative. Isaak braucht eine Ehefrau. Es gehörte zu den Kernkompetenzen der Familie, die passenden Ehepartner für ihre Kinder zu finden. Eine arrangierte Hochzeit war wünschenswert. Besitzstand sollte durch eine Ehe bewahrt, Familienfreundschaften verfestigt, politische Beziehungen ausgebaut werden. Um die wirtschaftlichen Interessen der Familie und der beiden Menschen, die da ihr Leben miteinander leben sollten, ging es. Liebe, die ergab sich eben -oder auch nicht.
Abraham schickt seinen Grundstücksverwalter und Vertrauten auf die Suche. Der zieht los, Brautgeschenke im Gepäck. Über Wüsten und Ländereien bis nach Syrien in die Heimat der Abrahamsippe zieht er. Vor den Toren des Stadt Nahors trifft der Brautwerber auf eine Gruppe junger Hirtinnen. Eine von ihnen, Rebekka, bietet den erschöpften Reisenden Wasser an. Sie führt auch die Kamele zur Tränke.
Diese engagierte junge Frau ist die Richtige, das ist für den Brautwerber schnell klar. Er verhandelt mit der Familie, übergibt die Brautgaben, die Ehe wird vereinbart, ohne dass sich Mann und Frau je gesehen haben. Vater und Brüder der Braut wollen sie erst nach zehn Tagen zu der neuen Familie schicken. Aber Rebekka hat ein Wörtchen mitzureden. Sie will sofort mit den Fremden gehen will.
Selbstbewußt und risikofreudig besteigt sie also ein Kamel und folgt dem Brautwerber in das unbekannte Land, zu dem unbekannten Ehemann. Nach einem langen Ritt erreichen sie das Zeltlager. Und dort auf dem freien Feld, im Niemandsland, sehen sich Rebekka und Isaak das erste Mal. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als Rebekka Isaak erblickt, fällt sie buchstäblich vom Kamel. Offensichtlich hat sie Isaaks Anblick völlig außer der Fassung gebracht. Die Anziehungskraft ist gegenseitig. Isaak ist augenblicklich verliebt.
Musik: Hildegard Knef, Sei mal verliebt....
Ochs tut es, Kuh tut es, ein gesundes Känguruh tut es. Tu du es Sei mal verliebt. Denn Fink und Star auf dem Dach tun es, Bachforellen ohne Bach tun es, ach, tu es Sei mal verliebt. In biblischer Zeit wird aus den verliebten Leuten ein glückliches Paar. Rebekka und Isaak sind miteinander alt geworden über die guten und die schlechten Tage.
Die Zeiten der biblischen Nomadenzelte sind passe. Die Tradition der Partnervermittlung wurde durchaus in der Kirche weitergeführt. Es war ganz normal, dass sich die Gemeinde um unverheiratete Waisen kümmerte und Presbyter und Bischöfe als Heiratsvermittlern auftraten. Die Kirchengemeinde war auch immer ein Ort der Begegnung. Nicht nur Tante Hedwig hat ihren Mann im Jugendchor kennengelernt. Manchmal fällt die Liebe vom Himmel, manchmal tut sie es nicht.
Aber - Kirche und professionelle Partnervermittlung. Klingt das nicht allzu anrüchig, allzu nach Kupplerei? Ein Blick über die Schweizer Grenze zeigt, es kann funktionieren. Im Jahre 1938 hatten es die reformierten Christen in den mehrheitlich katholischen Gemeinden der Ostschweiz schwer einen Partner zu finden. Konfessionell Mischehen zerrissen Familien und lösten noch bis in die 50ziger Jahre schwere Glaubenskonflikte aus. Der Schweizer Prostetanische Volksbund wurde aktiv und gründete die Evangelische Eheanbahnung.
Die Konfessionszugehörigkeit spielt heute keine Rolle mehr. Auch der Name des Vereins hat sich modernisiert. Aus der Eheanbahnung wurde Unterwegs zum Du.
Geblieben ist aber die Absicht, einen Partner mit ähnlicher Lebenseinstellung und Wertvorstellung zu vermitteln. Vier Zweigstellen und eine Internetseite betreibt der Verein. Die Vermittlung kostet erheblich weniger als bei anderen Partnervermittlungen. Denn der Verein arbeitet nicht gewinnorientiert.
Partnervermittlung ist Lebenshilfe sagt die Evangelische-reformierte Kirche und begründet ihre Unterstützung so: Die Kirche will Menschen davor bewahren, dass aus ihrer Einsamkeit Profit geschlagen wird und ihnen eine Chance geben, einem DU zu begegnen.
Musik: Frank Sinatra, Love and marriage
Zurück über die deutsche Grenze findet sich nicht so schnell vergleichbares. In den Gelben Seiten stehen zwar Dutzende von Einträgen mit wohlklingenden Institutnamen. Dream Date. Fortuna Institut. Herzensangelegenheit. Und auch Partnervermittlungen, die das Wörtchen christlich im Titel unterstreichen.
Partnervermittler ist keine geschützte Berufbezeichnung wie etwa Apothekerin. Es verwundert daher nicht, dass die Schwarzen Schafe der Branche immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Wie die Spreu vom Weizen trennen?
Die Hamburger Partnervermittlung Ich und Du fällt mir auf. Seit 10 Jahren existiert sie mit einer Art evangelischem Gütesiegel. Neugierig geworden rufe ich bei Ulrike Grave in Hamburg an.
Oton Grave: Ich habe lange Telefonseelsorge gemacht... In dieser Zeit hatte ich ganz häufig Anrufe von Menschen, die mich sehr beschäftigt haben. Die mir nämlich erzählten, ob sie vielleicht gerade von Partnervermittlungen übers Ohr gehauen sein könnten. Und dann wuchs so der Gedanke in mir: ich könnte doch selber so eine seriöse Partnervermittlung auf die Beine stellen."
Autorin: Die Telefonseelsorge ist Teil des Diakonischen Werkes in Hamburg. Daher wandte sich Ulrike Grave zunächst an den Leiter des Diakonischen Werkes, Landespastor Dr. Stephan Reimers. Sie will etwas gegen die Einsamkeit tun...für Christen und Nichtchristen.
Oton Grave: Und dieser gute Mann war irgendwie gleich Feuer und Flamme und wollte mich zunächst unterbringen im Diakonischen Werk, so dass die Menschen, die vermittelt werden wollten, alle ins Diakonisches Werk kommen sollten und gratis vermitteln werden sollten. So etwas gab es von katholischer Seite beim Caritasverband in Köln. Diese Stelle ist aber eingestellt worden...Das war eine ganz tolle Sache, da habe ich mal hospitiert ein paar Tage. Und diese Frau hatte alle Hände voll zu tun und konnte nur Menschen aus Köln vermitteln. Die aus Bonn wurden schon abgewiesen, weil sie so wahnsinnig viel zu tun hatte.
Autorin: Doch die Idee der kostenlosen, evangelischen Partnervermittlung scheitert an Vorbehalten der kirchlichen Entscheidungsträger. Ulrike Grave lässt sich nicht entmutigen, macht sich im Juli 1999 selbstständig und bekommt unverhofft einen evangelischen Schirmherrn. Pastor Dr. Stephan Reimers bürgt mit für die Seriosität ihrer Partnervermittlung. Ein Glücksfall für Ulrike Grave. Denn das findet breites Echo in den Medien, Klienten stellen sich schnell ein. Bis heute ist sie ihren Standards bei der Partnervermittlung treu geblieben. Jeden Klienten lernt sie persönlich kennen. Ein bis zwei Stunden dauert dieses Gespräch, bei dem ein umfangreicher Fragebogen ausgefüllt wird. Intuition, darauf verlässt sie sich nicht mehr und erzählt aus den Anfängen ihrer Vermittlungstätigkeit:
Oton Grave: Beide um die 60, beide sammeln Antiquitäten, beide erzählen mir stolz von ihrem Oldtimer, dass ich denke, das ist ein wunderbares Paar. Und sie sagte, sie hätten sich fürchterlich gestritten beim ersten Telefongespräch über die Qualität des Golfesplatzes. Also Krach sofort. Und seitdem bilde ich mir nicht mehr soviel ein auf meine Intuition. Ich versuche Enttäuschungen einzuschränken, indem ich sog. Ausschlusskriterien von den Klienten höre möchte.
Autorin: Für Dieter kommen nur Nichtraucherinnen in Frage, für Monika sollte der Partner nicht weiter als 200 Kilometer entfernt wohnen und klassische Musik lieben. Für Karin sollte er aktiver Kirchgänger sein, Michael wünscht sich eine zierliche Traumfrau. Nach solchen Ausschlusskriterien ergeben sich die Partnervorschläge.
Oton Grave: Nicht wenige Leute gehen hier weg, machen das Aufnahmegespräch, haben sich als dem Thema Partner geöffnet mit allen Poren und lernen dann jemanden kennen. Ohne meine Hilfe. Dass die hier weggehen voll sind mit dem Thema Partner, mit einer anderen Einstellung. Ich habe das delegiert. Das ist wie mit den Frauen, die nicht schwanger werden können. Und dann ein Kind adoptieren. Und dann werden sie schwanger. Das (ist das )Thema: Loslassen!
Musik: Nylon, Wannsee Ahoi
Autorin: Ein Wagnis eingehen, loslassen, vor allem das Gefühl loslassen, niemand will mich mehr. Risikobereit sein, es verschmerzen können auch enttäuscht zu werden. Das ist sicher ein Schritt, den man gehen muss. So wie Rebekka einst ihr Kamel bestiegen hat. Um in eine ungewisse Zukunft zu reiten. In der Hoffnung, dass sie dort Liebe finden kann.
Unsere modernen Kamele können eben Partneranzeigen in der Zeitung, oder im Internet oder Partnervermittler sein. Karla ist sich noch unschlüssig, was sie als nächstes versuchen wird. Aber ich sehe es in ihren Augen blitzen. Wie wäre es, wenn ich in meiner Kirchengemeinde mal mit dem Pfarrer rede. Ich kenne doch genügend Leute, und die wieder andere und da liesse sich doch etwas organisieren. Alles was ich brauche, ist ein Ort, an dem sich viele treffen können. Und der garantiert, dass es hier immer um den Menschen, und nicht um sein Geld geht.
Ich bin mir sicher, dass es überall solche Karla´s gibt, sie müssen nicht unbedingt weiblich sein, die solche Impulse in die Gemeinde tragen werden. Einen beschwingten Sonntag wünscht Ihnen Kerstin Hanke von der evangelischen Kirche.
Musik: Madeleine Peyroux Länge You´re gonna make me lonesome when you go
Liebe, die nicht vom Himmel fällt
|