Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.02.09, Pfarrer Burkhard Müller (Choralandacht)

Ich bete an die Macht der Liebe (eg 661)

Musik 3, 2 und 1 Nach einem Vorspiel singt Rebrow: Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart.

Danach spielt das Stabsmusikkorps der Bundeswehr den zweiten Teil der Strophe Den Schluss singt der Kosakenchor: Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.

Autor: Dreimal der gleiche Choral, aber keinmal Kirchengesang! Dabei ist es ein schönes christliches Lied, das auch in unsere Gottesdienste passt: "Ich bete an die Macht der Liebe."

Vor bald 300 Jahren wurde es  zum ersten Mal gesungen. Vielleicht in einem Wohnhaus in Mühlheim an der Ruhr, das noch heute zu besichtigen ist. Vielleicht war es so: Vorne im Türrahmen zwischen zwei Zimmern stand Gerhard Tersteegen, der Dichter dieses Liedes. Das Haus platzte aus allen Nähten. Es war für so viele Menschen nicht gebaut. Die Frauen saßen in dem einen Zimmer, die Männer im andern. So züchtig waren damals die Zeiten. Tersteegen hielt wie so oft eine Andacht, sorgfältig vorbereitet durch intensives Bibelstudium. Er war ein gründlicher Denker, ein verantwortungsvoller Redner. Es war ihm wichtig

Sprecher:„ ...dass man von geistlichen Dingen nicht zu viel schwätze.“

Autor: Tersteegen war kein Pfarrer, er hatte Kaufmann gelernt. Doch der Beruf brachte ihm zu viel innere Unruhe. Er brauchte Stille. Stille für Gott.

Sprecher:
„Wie die zarten Blumen
willig sich entfalten
und der Sonne stille halten,
lass mich so
still und froh
deine Strahlen fassen
und dich wirken lassen.“

Musik: Orgelspiel im Hintergrund mit der Melodie "Ich bete an die Macht der Liebe..."

Autor: So wollte er leben. Darum übernahm er fortan eine Heimarbeit, webte Seidenbänder. In dieser zurückgezogenen Tätigkeit fand er seine Ruhe für die innere Hingabe an Gottes Liebe.

Musik: Orgelmusik mit Melodie "Ich bete an.."

Autor: Dabei mögen ihm erste Gedanken für sein Lied gekommen sein, in dem er Gottes große Menschenliebe anbeten möchte:

Sprecher:
Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesus offenbart,
ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.

Musik 

Autor: Aber nicht lange konnte er in dieser zurückgezogenen Stille leben. Es kamen Leute zu ihm. Die suchten Rat. Er nahm sich viel Zeit für sie. Das sprach sich rum. Immer mehr Leute suchten diesen Seelsorger auf. Tersteegen musste schließlich seinen Beruf aufgeben. Er lebte von dem, was man ihm schenkte.

Musik:  Kosakenchor "Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart..." läuft im Hintergrund weiter  

Autor: Tersteegen veröffentlichte viele geistliche Lieder, auch dies Lied von der Macht der Liebe. Den Russen verdanken wir die Popularität. Der Russe Bortnjansky schrieb die eingängige Melodie. So wurde es in Russland besonders beliebt. Bis heute. Zuletzt hörte ich es zufällig im Radio, ganz leise im Hintergrund, bei einer Reportage über die Beisetzung Solschenizyns in Moskau. Das Lied gehört heute fest zum Repertoire der Kosakenchöre. Der russische Zar liebte das Lied und ließ es vor rund 200 Jahren als Abendgebet der Soldaten in den feierlichen  Zapfenstreich aufnehmen.

Autor: Dem Preußenkönig gefiel das so gut, dass er es den Russen nachmachte. Und noch heute bei der Bundeswehr gehört dieses Lied zum Großen Zapfenstreich:

Musik: „Helm ab zum Gebet“ Stabsmusikkorps der Bundeswehr mit dem Lied "Ich bete an die Macht der Liebe..."  im Hintergrund leise weiter  

Autor: Man mag  sich fragen, wie sich dieser feinsinnige Lobchoral von der Liebe Gottes mit einem militärischen Zeremoniell verträgt. Redet es doch von der Macht der Liebe. Was sollen da Waffen! Ob dieses Gebet bei Teilnehmern des Zapfenstreichs Nachdenklichkeit und Selbstkritik auslösen kann?

Autor: Diese machtvolle Liebe Gottes bindet und nimmt uns in die Pflicht. Sich ganz der Liebe Gottes anvertrauen: das heißt christlich leben.

Musik:
Für dich sei ganz mein Herz und Leben,
mein süßer Gott und all mein Gut,
für dich hast du mir's nur gegeben,
in dir es nur und selig ruht.
Hersteller meines schweren Falles
für dich sei ewig Herz und alles.

Autor: Für dich: mein ganzes Leben. Für dich: hab ich allein. Für dich: ewig mein Herz und alles. Für dich, für dich...
Es war ein langer Glaubenskampf, bevor er zu dieser Einsicht kam. Die Zeit seiner inneren Ungewissheit beschreibt er so:

Sprecher: „Gleichwie man auf dem großen Weltmeere,
wenn bei ungestümem Wetter weder Sonne noch Gestirn erscheinet,
nicht wissen kann, wo man ist,
ebenso wenig kann ich es auch sagen.
Ich wollte es wohl oft selbst so gerne wissen.
Ich hoffe aber, Jesus wird am Ruder sitzen und sein Geist werde mein Schifflein treiben: weil ich nun dem Wind nicht kann noch will entgegenrudern, so geb ich demselben... mein Schifflein dar.“

Autor: Schließlich kommt Tersteegen im Glauben an Gottes Liebe zur Ruhe. Und will sich ihr „verschreiben“. Mit seinem eigenen Blut schreibt und unterzeichnet er Gründonnerstag 1724  eine Selbstübergabe an Gottes Liebe. Diese Liebe Gottes allein hat ihn dazu gebracht, sie hat ihn „sanft und tief gezogen“.

Musik:
Wie bist du mir so zart gewogen.
Und wie verlangt dein Herz nach mir!
Durch Liebe sanft und tief gezogen
neigt sich mein Alles auch zu dir.
Du traute Liebe, gutes Wesen,
du hast mich und ich dich erlesen.  

Autor: Diese Liebe zieht und lockt auch in schweren Zeiten. Sie will in das Innere des Menschen dringen. Aber dann will sie auch aus unserem inwendigen Menschen auf den äußeren Menschen wirken. Glauben und Handeln gehören zusammen.

Sprecher: Im Wort, und Werk und allem Wesen
sei Jesus und sonst nichts zu lesen.

Autor: Es ist erstaunlich, wie konsequent Tersteegen sich durch seine Jesusmystik getrieben fühlte, auch der äußeren Not der Menschen abzuhelfen. Er begann sogar Medizin für Kranke herzustellen. Das war kein heimliches Hobby, keine private Leidenschaft. Er stöhnte über die lästige Arbeit, aber er tat sie, weil er den Menschen auch gegen ihre Krankheit helfen wollte.

Er war ein unglaublich aktiver Mensch, die Jesusliebe macht ihn so stark und lebendig, sie war die spirituelle Kraftquelle seines Lebens.

Musik:
...in Herz und Sinn gepräget sein.
Im Wort, und Werk und allem Wesen
sei Jesus und sonst nichts zu lesen.  

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrer Burkhard Müller aus Bonn über den Choral “ Ich bete an die Macht der Liebe“- Evangelisches Gesangbuch Nummer 661. Es sang unter anderem das Solistenensemble unter der Leitung von Gerhard Schnitter.

Audiobeitrag Ich bete an die Macht der Liebe (eg 661)


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