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Warum sie das Sterben Jesu erzählt haben
Im Gemeindebrief war die Veranstaltung so angekündigt: "Warum wir vom Sterben Jesu erzählt haben? -Matthäus, Markus, Lukas und Johannes berichten."
Typisch für diesen Gemeindepfarrer: der kauzige Einfall, die vor Urzeiten gestorbenen vier Evangelisten als Referenten auftreten zu lassen. Er hatte kurz vorher mit einer provozierenden Predigt eine heftige Diskussion losgetreten. Er hatte bezweifelt, dass Jesus als Sühneopfer für die Sünden der Menschen gestorben sei. Offensichtlich legte er mit dieser Veranstaltung noch einmal ein paar Kohlen nach.
Der Gemeindesaal war proppenvoll. Pünktlich um 8 öffnete sich die Tür. Herein kamen vier als Evangelisten verkleidete Männer, einer hatte sogar einen Bart angeklebt bekommen. Die Leute lachten. Manche erkannten die Verkleideten wieder.
Der Pfarrer begrüßte alle und sagte, die vier Referenten würden jetzt in vier Kurzreferaten ihre sehr unterschiedliche Sicht der Kreuzigung darstellen und sich dazu äußern, ob Jesus als Sühneopfer für die Sünden der Menschen gestorben sei.
Ein Ergebnis vorneweg: für keinen der vier war Jesus ein Sühneopfer. Darin waren sie sich einig. Sonst aber waren sie sehr verschieden.
Für Matthäus war Jesus der Lehrer des Gesetzes. Aber das Herz müsse dabei sein und das absolute Vertrauen auf Gott. Darum habe sich Jesus am Kreuz nicht von Gott abgewendet, sondern sich trotz seiner Verzweiflung an ihn gewandt. Sein letztes Wort am Kreuz: "Mein Vater, warum hast du mich verlassen!"
Markus sagte, wer Jesus sei, das sei wie ein Geheimnis. Erst unter dem Kreuz bekenne ausgerechnet ein Heide, der römische Hauptmann: "Wahrlich: dieser ist Sohn Gottes". Damit beginne nun das Messiasgeheimnis sich für alle zu öffnen.
Für Lukas starb Jesus vorbildlich und mit den frommen Worten "Ich befehle meinen Geist in deine Hände!" So sollen alle Sterbenden sich Gott anbefehlen. Für Johannes war das Kreuz der Beginn des Aufstiegs zum Vater im Himmel. Seine Aufgabe auf Erden hat er erledigt. Darum schreit er es geradezu mit Stolz und Erleichterung als letztes Wort am Kreuz heraus. "Es ist vollbracht!"
Nach den Kurzreferaten wurde heftig und kontrovers diskutiert. Der Pfarrer war überrascht, als sich gegen Ende einer seiner Hauptwidersacher zum ersten Mal meldete und sagte: Das hier sei ja nur ein Theaterspiel. Aber er habe in Vorbereitung auf den Abend alle vier Kreuzigungsberichte aufmerksam gelesen, und er habe tatsächlich nirgendwo gefunden, dass Jesus als Sühneopfer gestorben sei, um Gottes Zorn zu besänftigen.
Das war auch schon fast ein Schlusswort. Der Pfarrer forderte die Anwesenden auf, selber mal in der Bibel zu lesen. Heute sei ja etwas vereinfachend und plakativ gesprochen worden. Vielleicht könne man sich noch mal treffen, um differenzierter die Vielfalt in der Bibel wahrzunehmen. Am Ausgang drückte ihm eine über 80 jährige, ganz fitte Frau die Hand und sagte, sie sei froh, dass sie nun mit gutem Gewissen nicht mehr an Jesus als Sühneopfer glauben müsse. Richtig daran geglaubt habe sie ja nie.
Warum sie das Sterben Jesu erzählt haben
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