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Anselm von Canterbury
Sie hört sich so harmlos an, diese Frage. Aber sie hat es in sich. Und sie wird ganz verschieden beantwortet.
Bei einem interaktiven Medium könnten Sie jetzt Ihre persönliche Antwort auf diese Frage mitteilen, auf die kurze Frage: Warum wurde Jesus gekreuzigt? Hier meine Antwort: Weil die Mächtigen Jesus mitsamt seiner Botschaft beseitigen wollten.
Andere sehen das anders. Zum Beispiel so: Weil Gott ein Sühneopfer brauchte wegen der Sünden der Menschen. Stellvertretend für uns litt er die Strafe und stillte so Gottes Zorn. Ich halte diese Antwort für falsch, obwohl viele Christen in dieser Richtung ihre Antwort suchen.
Nein, was wäre das für ein grausamer Gott, der ein Menschenopfer braucht, um damit seinen Zorn zu stillen! Und die Sache wird noch unappetitlicher, wenn dieser Mensch sein einziger Sohn ist!
Dann wäre ja der Ursprung der Christusgeschichte nicht Gottes Liebe, sondern ein zorniger, beleidigter Gott, der Rache will für Kränkungen durch unsere Sünden. Dass noch heute so viele das glauben, hängt mit einem genialen mittelalterlichen Theologen, Anselm von Canterbury, zusammen, der vor knapp 1000 Jahren geradezu logisch beweisen wollte, dass Jesus als Sühnopfer herhalten musste, um Gottes Zorn über unsere Sünden zu stillen.
Am Anfang dieser Theologie steht also Gottes großer Zorn darüber, dass die Menschen durch ihre Sünden seine Ehre verletzt haben. Nun kann Gott nicht einfach mit Barmherzigkeit und Güte die Sünde aus der Welt schaffen. Er darf nicht einfach aus Liebe vergeben. Gott ist gerecht. Den moralischen Standard muss er halten. Darum muss die Sünde der Menschen gesühnt werden.
Aber diese immer sündigen Menschen können das nicht. Nur ein Mensch, der gleichzeitig ohne Sünde und Gott ebenbürtig ist, kann Sühne leisten, folgert Anselm. Eine Art Gott¬-Mensch muss her. Und er kam ja auch: Jesus, in dem Gott Mensch geworden ist. Dieser Mensch, der zugleich Gott war, der kann und soll stellvertretend für uns die Sühne leisten. Er wird zum Opfer, das Gottes Zorn stillt. Stellvertretend für uns leidend erlöst er uns. So weit Anselm von Canterbury.
Anselm war mit dieser Lehre so erfolgreich, dass 600 Jahre nach seinem Tod ein Papst ihm den seltenen Titel: "Lehrer der Kirche" verlieh und so seiner Lehre hohe kirchliche Autorität gab. Tatsächlich ist der Glaube, dass Jesus das Opfer für unsere Sünden ist, in vielen von uns tief verankert. Heutige Theologen interpretieren diese Theologie und suchen heraus, was an ihr noch akzeptabel ist. Dabei ist nicht einfach zu erkennen, ob sie diese Theologie für richtig halten oder nicht. Aber so tun sie auch niemandem in seinem Glauben weh.
Doch es gibt auch die anderen, deren Glauben es helfen würde, wenn über dieses Stück der christlichen Tradition gesagt würde: "Das braucht ihr wirklich nicht zu glauben". Jesus ist nicht gestorben, um uns von unseren Sünden zu befreien. Er ist gestorben, weil die Mächtigen ihn nicht leben lassen wollten. Wir sollten nicht an einen Gott glauben, der zürnt und Rache sucht. Wir sollten an den Gott der Liebe glauben. Eine Liebe, wie Jesus sie gepredigt hat. Und für deren Wahrheit er bis zum Tode eingestanden ist.
Anselm von Canterbury
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