Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.02.09, Antje Borchers

Es wird mir fehlen, das Leben

Ruth Picardie war Journalistin, sie schrieb für englische Zeitungen und Zeitschriften, über Mode und Filme, über unverhofften Kindersegen mit Zwillingen und

über Mutterschaft. Sie war eine von Englands beliebtesten Journalistinnen, denn sie schrieb mit Herz. Und dann wurde bei Ruth Picardie Krebs diagnostiziert. Brustkrebs. Ihre Zwillinge waren noch nicht einmal zwei Jahre alt, sie selbst 32. An ihre Freundin in Vietnam schrieb sie per E-Mail:

Sprecherin: „Liebste Carrie, die zweite Chemo-Ladung haben sie mir gestern nicht verpasst, weil die Zahl meiner weißen Blutkörperchen noch immer unter aller Sau ist, also habe ich eine Woche frei, und das ist großartig – als wär eine Prüfung kurzfristig abgesagt worden. Aber es ist schon ziemlich bestürzend, wenn du dir durchs Haar streichst und es dann büschelweise in der Hand hast. Man sieht krank aus, kommt sich vor, als würde man sterben usw. Tu ich aber nicht – es ist ganz einfach Folge der hochdosierten Chemotherapie. Solange nur meine verdammten Wimpern usw. bleiben, wo sie sind“ (Seite 9).

Autorin: Die Chemo schlägt nicht an, der Krebs breitet sich aggressiv aus, innerhalb weniger Monate wird klar: Ruth wird sterben. Ihre Kraft nimmt rapide ab. Nur noch per E-Mail hält sie Kontakt mit dreien ihrer besten Freunde. Einer davon ist Jamie. Er ist HIV-positiv, und Ruth redet mit ihm offen über den Tod.

Sprecherin: „Es tut gut, einen Freund zu haben, der auch krank ist. Bei Gott, ich wünschte, Du wärst es nicht, aber es besteht eben ein Maß an Gemeinsamkeit, das auch die hilfreichsten Freunde nicht bieten können“ (Seite 17).

Autorin: Jamie antwortet:

Sprecher: „Ich würde zwar nicht sagen, dass ich froh bin, HIV-positiv geworden zu sein, aber manchmal kommt es mir vor wie eine furchteinflößende bewusstseinserweiternde Droge, und ich denke, wenn ich die Erfahrung damit nicht gemacht hätte, würde mir als Mensch etwas fehlen. Zumindest kriegst Du eine andere Perspektive auf das LEBEN. Man investiert eher in ein paar gute Gedanken als in eine Rentenversicherung“ (Seite 19f).

Autorin: Ruths Schwester, Redakteurin der Zeitschrift Observer, animierte Ruth, die Gedanken über ihr Leben mit einer unheilbaren Krankheit auch zu Artikeln zu verfassen. Als Hilfe, als Versuch, das Thema Tod aus seinem beklemmenden Tabu zu reißen. Sehr viele Leserinnen und Leser reagierten auf die Artikel, erzählten von eigenem Verlust, trösteten Ruth, bedankten sich. Am Ende schaffte Ruth nur sechs Artikel, dann starb sie, der siebte wurde halb fertig. Sie wurden zusammen mit der E-Mail-Korrespondenz und Leserbriefen in einem Buch veröffentlicht, Titel: „Es wird mir fehlen, das Leben“. Im Nachwort des Buches schreibt ihr Ehemann Matt:

Sprecher: „Wie Ruth bin auch ich nicht religiös, aber ich kann besser als je verstehen, welchen Reiz die Vorstellung eines Lebens nach dem Tode hat. Zwar erscheint dieser Gedanke noch immer wie eine großartige Fiktion, aber ohne ihn ist so schwer vorstellbar, wo all die Dynamik, all der Elan, die Energie und die Tatkraft geblieben sein mögen, die Ruth ausmachten. Kann es wirklich so sein, dass sie im Einheitsbrei des Universums versickern?“ (Seite 174).

Autorin: Genau das ist die Frage. Ich stelle sie mir auch oft angesichts des Todes. Und ich denke an Jesus, der starb und dann in ein neues Leben auferstanden ist. An dieses Danach möchte ich glauben. Ich höre deshalb gerne das Versprechen, das Jesus gegeben hat: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Johannes 14, Vers 19).

Buchtipp: Ruth Picardie, »Es wird mir fehlen, das Leben«. Rowohlt Taschenbuch (rororo), Reinbek 1997

Audiobeitrag Es wird mir fehlen, das Leben


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