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Dressierte Worte
Hallo, sagte ich leise zu mir selbst, lieber Herr Pastor, du wiederholst dich ja! Das hast du doch schon x-mal gesagt!
Immer wieder beobachtete ich, dass ich als Pfarrer bei Ansprachen und Predigten dieselben Dinge mit denselben Worten von mir gab. Worte, die wie von selbst aus dem Munde flossen, altbekannte und wohlklingende Phrasen. Ein Stichwort genügte, und die nächsten Sätze stellten sich wie von selbst ein. Ohne wirkliches Nachdenken.
Schon vor langer Zeit hatte ein Sprachkritiker beklagt, dass sich bei vielen Viel-Rednern die Worte gruppieren wie die Kavalleriepferde beim Hornsignal, wie von selbst, immer in gleicher Aufreihung nebeneinander und nacheinander. Die Pferde wissen selber, wie sie sich aufstellen müssen, sie brauchen nur ein Signal. Sobald ein bestimmtes Thema genannt wird, stellen sich bestimmte Phrasen ein wie dressierte Pferde, ganz von selbst.
Um ein bei mir typisches Beispiel zu nennen: Erklang das Hornsignal: "Jesus ist gekreuzigt", kamen die Pferde und stellten sich wie zur Parade auf. Das erste Pferd trug das Banner mit der Aufschrift: "Für dich gestorben." Ein anderes kam mit dem Satz: "Gottes Zorn durch seinen Tod gestillt." Beim nächsten herausgeputzten Pferd: "stellvertretendes Leiden". Und wie die Sätze dann alle lauteten: "Für meine Sünden dahingegeben." "Zur Vergebung der Sünden gestorben." "Meine Seligkeit durch seinen Tod."
Und so standen sie alle bereit, loszupreschen, sobald ich sie frei gab. Wie von selbst stürmten sie dann hervor. Es ist sehr praktisch, über Worte wie dressierte Pferde zu verfügen. Das macht das Reden einfacher. Aber auch phrasenhafter. Ich fühlte mich in jedem Fall unwohl. Dazu kamen weitere Zweifel: Waren meine Pferde überhaupt richtig dressiert und stürmten sie in die richtige Richtung? Stimmten die Sätze auf ihren Bannern? Ich beschloss damals, diese alten Schlachtrosse für eine gewisse Zeit im Stall zu lassen. Ich wollte es mit jungen, anderen, undressierten Pferden versuchen. Vergebung: die Richtung stimmte. Vergebung ist ein Riesenthema der Bibel. Aber musste Jesus zu dem Zweck gekreuzigt werden? Meine Zweifel daran wuchsen.
Vor allem, wenn ich an das wunderschöne Gleichnis Jesu dachte, mit dem er Gottes Vergeben erläutert:
Ein Bauernsohn lässt sich das Erbe vom Vater auszahlen. Den Vater mit seiner vielen Arbeit lässt er im Stich. Er markiert den starken Mann, bis sein Geld verbraucht ist. Der nun folgende soziale Abstieg lässt ihn im Schweinestall eines anderen Bauern landen. Als er aber dann mit ungutem Gefühl nach Hause mehr schleicht als geht, läuft der Vater ihm entgegen und schließt ihn überglücklich in die Arme: Du warst verloren, nun bist du wieder gefunden. Die Vaterliebe vergibt dem Sohn. So ist es mit Gottes Vergeben, meint Jesus mit dieser Geschichte. Kehrt zu ihm zurück, er wird euch mit Liebe umarmen.
Wenn ich diese Geschichte vor Augen habe, werde ich auf die Frage: Hat Jesus Vergebung gebracht? spontan mit "Ja!" antworten. Jetzt machen sich die alten Pferde im Stall Hoffnung, das klingt nach dem bekannten Hornsignal. Aber auf die Frage, ob Jesus dazu am Kreuz sterben musste, würde ich wahrscheinlich entgegnen: "Nein. Nach dieser Geschichte jedenfalls musste Jesus nicht sterben, um Sünden vergeben zu können." Die alten Wortpferde werden auch weiterhin in meinem Stall bleiben.
Dressierte Worte
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