Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.02.09, Stefanie Schardien

Vom Himmel gefallen

Ein Märchen: Als der liebe Gott die Welt erschaffen hat mit all ihren Bäumen und Sternen und Tieren, wuchs ihm die Arbeit über den Kopf.

Er beschloss, die Erschaffung des Menschen seinen Händen zu überlassen. Also machten sie sich eifrig an die Arbeit, kneten und schwitzen. Zwischendurch fragte Gott immer wieder neugierig: „Schon?“, aber seine Hände werkelten noch. Da sah Gott etwas durch den Raum fallen. „Von einer bösen Ahnung erfüllt, rief er seine Hände. Sie erschienen ganz von Lehm befleckt, heiß und zitternd. 'Wo ist der Mensch?' schrie er sie an. Da fuhr die Rechte auf die Linke los: 'Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die Linke gereizt, 'du wolltest ja alles allein machen, mich ließest du ja überhaupt gar nicht mitreden.' 'Du hättest ihn eben halten müssen!' Und die Rechte holte aus. Dann aber besann sie sich, und beide sagten einander überholend: 'Er war so ungeduldig, der Mensch. Er wollte immer schon leben. Wir können beide nichts dafür, gewiß, wir sind beide unschuldig.'

Dieses Märchen von den Händen Gottes vom Dichter Rainer Maria Rilke gehört zu meinen Lieblingsgeschichten. Ich lese sie immer wieder einmal, wenn ich mit mir oder anderen unzufrieden bin und wenn ich mich wundere, was für Macken wir Menschen doch haben. Dann beruhigt mich die Erklärung aus dem Märchen: wir sind wohl alle noch nicht fertig und einfach ein bisschen zu früh vom Himmel gefallen.

Sprecherin: Christiane Birgden 

Audiobeitrag Vom Himmel gefallen


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