Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.01.09, Silke Janssen (Choralandacht)

„Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ (eg 67)

Sprecher Jesaja 9, 1 ff: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunderrat, Gottheld, Ewigvater, Friedefürst.

 Autorin: Stimmt. Diese Verse aus dem Alten Testament werden eigentlich vor und zu Weihnachten zitiert. Denn mit diesen Worten hat der Prophet Jesaja die Geburt Jesu angekündigt, so wenigstens die christliche Überlieferung. 

Nun ist Weihnachten schon eine Weile vorbei. Es ist vielleicht komisch, diesen Text jetzt zu hören, Ende Januar. Aber - morgen ist ein besonderer Sonntag im Kirchenjahr. Es ist der letzte Sonntag nach Epiphanias. Also nach dem Tag, an dem an einen speziellen Besuch gedacht wird. Drei weise Männer aus dem sogenannten Morgenland haben sich auf einen beschwerlichen Weg gemacht. Sie wollten den neuen König der Welt kennen lernen. Ein heller Stern leuchtete ihnen den Weg und so fanden sie Jesus in der Krippe in Bethlehem. Morgen also ist der letzte Sonntag nach dem Heiligen Drei-Königs-Tag. Damit schließt das Kirchenjahr quasi die Weihnachtszeit ab.

Wie an jedem Sonntag, so wird auch morgen ein Lied für die vor uns liegende Woche vorgestellt. Das Wochenlied. Diesmal ist es der Choral „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“. 

Choral:
Herr Christ, der einig Gotts Sohn, Vaters in Ewigkeit, aus seinem Herzen entsprossen, gleichwie geschrieben steht, er ist der Morgenstern, sein Glanz streckt er von fern, vor andern Sternen klar.

Autorin: Jesus ist der Morgenstern. Ein häufig für Jesus verwendetes Bild.

Sie kennen den doch, den Morgenstern, oder? Der Stern, der nach dem Mond am Morgenhimmel heller leuchtet als alle anderen Sterne. Der Stern, der kurz vor dem Sonnenaufgang auftaucht.

Es ist der Planet Venus. Weil er von allen Planeten auf seiner Umlaufbahn der Erde am nächsten kommt, leuchtet er hell und ist nicht zu übersehen. Weil die Venus in der Nacht untertaucht und erst wieder bei Tagesanbruch hell erstrahlt, wird sie auch der Morgenstern genannt.

So, wie die Venus, so leuchtet Jesus als Morgenstern. Er scheint, wenn die Nacht fast vorbei ist. Wenn das Dunkel langsam verschwindet und es wieder heller wird. Dann strahlt er. Ein Bild für Hoffnung. Ein Bild für Aufbruch, für neue Chancen, einen neuen Tag mit all seinen Möglichkeiten. 

Sprecher: Herr Christ, der einig Gotts Sohn, Vaters in Ewigkeit, aus seinem Herzen entsprossen, gleichwie geschrieben steht, er ist der Morgenstern, sein Glanz streckt er von fern, vor andern Sternen klar.

Autorin:
Jesus, der Herr Christ, ist Gottes Sohn, aus seinem Herzen entsprossen, heißt es. Ein schönes Bild – dem Herzen Gottes entsprossen. Behütet, in Liebe geborgen, mehr als am Herzen gelegen, ganz nah an Gott dran. Klein, zart, aber kräftig wie eine junge Pflanze und voller Leben. Mit Gottes Unterstützung und Liebe groß geworden und zur vollen Entfaltung gekommen. Ein Familienspross, wie wir es auch in unserem Sprachgebrauch kennen. So ist Jesus Gottes Sohn.

Dieser Spross leuchtet. Als Morgenstern. Er ist kräftig und heller als alle anderen Sterne. Er gibt den Menschen Hoffnung in der Dämmerung. Er gibt ihnen Wegweisung. Er ist der Friedefürst, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. So hat es der Prophet Jesaja verheißen.

Choral:
Für uns ist ein Mensch geboren im letzten Teil der Zeit, dass wir nicht wern verloren vor Gott in Ewigkeit, den Tod für uns zerbrochen, den Himmel aufgeschlossen, das Leben wiederbracht. 

Autorin: Mit der zweiten Strophe verlässt der Choral die Zeit nach Epiphanias, also die verlängerte Weihnachtszeit nach dem Heilig-Drei-Königs-Tag. Jetzt geht es nicht mehr um das „Wie“ und das „Wer“, sondern jetzt geht es um das „Warum“ und „Wozu“ der Geburt Christi. „Für uns ist ein Mensch geboren, der den Himmel aufgeschlossen hat“, heißt es in dem Choral. Und den Tod für die Menschen  zerbrochen hat.

Damit wird der Blick auf Karfreitag und auf Ostern gelenkt. Wie jetzt auch im Kirchenjahr die Zeit nach Weihnachten vorbei ist und bald die Passionszeit kommt. Sie erinnert an das Leid, das Jesus auf sich genommen hat, damit die Menschen leben können. Denn am Kreuz hat Jesus die Schuld der Menschen auf sich genommen. Dem Tod am Kreuz folgte die Auferstehung. Damit hat Jesus den Tod für die Menschen zerbrochen. Ewiges Leben ist möglich geworden. Damit ist vielen, die an Gott und die Auferstehung glauben, der schlimmste Schrecken des Todes genommen worden.

Aber in dem Choral wird noch eine andere Facette beleuchtet, warum Jesus gelebt hat: 

Sprecher: Für uns ist ein Mensch geboren im letzten Teil der Zeit, dass wir nicht wern verloren vor Gott in Ewigkeit, den Tod für uns zerbrochen, den Himmel aufgeschlossen, das Leben wiederbracht. 

Autorin: Jesus hat den Himmel aufgeschlossen. Er hat den Schlüssel für die Tür zum Himmel. Er öffnet sie uns. Wir können einen Blick hineinwerfen in Gottes Wohnung. Denn Jesus ist ja Gottes Herzen entsprossen. Also kennt er das Umfeld Gottes. Und vor allem kennt er den Vater im Himmel und weiß, wie sich Gott ein menschenwürdiges und erfülltes Leben vorstellt.

Immer wieder macht Jesus das deutlich. Er kümmert sich um die Armen und Kranken. Er geht mit den Machthabern ins Gericht und kritisiert sie, wenn sie menschenverachtende Politik betreiben. Er korrigiert Menschen, die auf dem Holzweg sind. Die zu sehr das eigene Wohlbefinden im Blick haben und besser von sich wegschauen sollten. Am deutlichsten aber werden Gottes Regeln in der sogenannten Bergpredigt: 

Sprecher: Selig sind die Traurigen, denn Gott wird sie trösten.
Selig sind, die auf Gewalt verzichten, denn sie werden die ganze Erde besitzen.
Selig sind, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine Kinder nennen.
Selig sind, die sich nach Gottes Gerechtigkeit sehnen, denn Gott wird ihre Sehnsucht stillen.
Selig sind die Barmherzigen, denn Gott wird auch mit ihnen barmherzig sein. 

Autorin: Kein Wort von Erfolg, Geld, Besitz oder Reichtum. Nein. Die Traurigen sind selig oder glücklich, weil Gott sie trösten wird. Die Gewaltlosen, Friedfertigen und Barmherzigen sind glücklich, weil sie für eine bessere Welt sorgen. Und die, die darunter leiden, dass es auf dieser Erde keine Gerechtigkeit gibt, weil sie erkennen: Gerechtigkeit ist bei Gott eine andere. Weil diese Menschen nicht nur das im Auge haben, was kurzfristig geschieht, sondern Gott das Feld überlassen. Das sind die Richtsätze und die Grundlagen, um die es in Gottes Welt geht.

So also steht der Choral zu Recht zwischen Weihnachten und Ostern. Denn er lässt Jesus als Morgenstern leuchten, als Vermittler und Bote Einblick in die Welt Gottes nehmen, und er lenkt unseren Blick schon nach vorne auf Karfreitag und Ostern und erinnert an Jesu Auferstehung, das Ereignis, in dem Jesu Sendung auf die Erde ihre Erfüllung gefunden hat.

Orgelmusik 

Das war Kirche in WDR 3 mit Silke Janssen aus Essen über den Choral “Herr Christ, der einig Gotts Sohn“- Evangelisches Gesangbuch Nummer 67. Es sang die Kantorei St.Andreas aus Lübbecke unter der Leitung von Hiltrud Wolff.

Audiobeitrag „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ (eg 67)


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