Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.01.09, Pfarrer Ernst-August Pohl

Erwachsen

Erwachsen werden, was ist das eigentlich? Mit 50 stellt sich diese Frage noch einmal ganz neu. Einem Künstler wird in einem Interview zu seinem Geburtstag gratuliert.

Er freut sich darüber. Der Reporter fragt behutsam nach, ob denn die Hörerinnen und Hörer wohl wissen dürften, wie alt er denn nun geworden sei. „Wenn Sie meine Mutter fragen würden“, antwortet dieser, „also, die würde Ihnen glatt sagen, ich sei über das Alter von 16 Jahren nicht hinausgekommen!“ Was war das nun? Ein Kompliment für eine gradlinige Biographie oder eine Bankrotterklärung aller mühsam aufgestellten Erziehungsversuche?

Erwachsenwerden. Mit achtzehn, da ist ganz klar, was das ist. Endlich Verantwortung übernehmen. Mit dem Führerschein fängt das an. Endlich am Straßenverkehr teilnehmen dürfen. Bei dem ersten Strafzettel dann wird die Freude ein kleines bisschen getrübt. Nach dem ersten Unfall stellt sich das, was Verantwortung ist, schon deutlich anders da. Im Beruf ist das dann genauso. Es wird fröhlich ausprobiert, hier und da passieren kleine Irrtümer, wird wieder hinbekommen. Man bekommt Kinder. Die wollen die Welt erklärt haben. Geschieht doch gerne. Bis sie selber reden und denken können. Dich eines Tages anblicken und fragen: Papa, du hast doch gestern gesagt, man soll die Wahrheit sagen, warum hast du denn eben geschwiegen? Im Beruf gibt es hier und da Neider. Öfter, wenn es einmal eng wird, werden die Ellenbogen ausgefahren. Das passiert einmal, zweimal dreimal. Dabei wird es auch innerlich eng. Auch im Herzen.

Erwachsen werden. Wie  gerne wollten wir es damals mit achtzehn. Und heute. Das Leben ist eben hart. Alles hat eben seinen Preis. Irgendwann bezahlt ihn jeder. So hört man sich sagen. So, als glaube man das wirklich selbst. Und man regt sich fürchterlich auf über die jungen Leute, die komplizierte Dinge so locker angehen und unverkrampft weiterkommen.

Das ist dann spätestens der Punkt, sich zu fragen: was ist eigentlich mit dem Kind in dir geschehen? Mit der Kreativität, spielerisch an Dinge heranzugehen. Über eigene Irrtümer schmunzeln zu können. Anstatt darüber zu verbittern. Konflikte mit einem selbstironischen Scherz zu lösen anstatt mit einem Rechtsgutachten. Ganz gleich wie alt man ist, ich finde: Jeder von uns sollte dem Kind in sich einen Raum lassen. Damit die Erfahrung des Erwachsenen mit der spielerischen Unbefangenheit des Kindes im inneren Dialog bleibt. Das ist auch der tiefe Sinn, warum der christliche Glaube daran festhält: wir bleiben stets Kinder Gottes. Mit diesen Augen sieht Gott uns an. Nicht um uns klein zu halten. Sondern, um uns lebendig zu halten, wenn die Bitterkeit oder die Enttäuschungen im Laufe des Lebens in uns Überhand nehmen. So entsteht Raum, Konflikte als ein Ringen um den besseren Weg zu sehen, Abbrüche als einen Aufbruch in ein neues Land,  Schuld als eine Chance zum Reifen.

Wir alle bleiben Kinder Gottes, ganz gleich wie alt wir sind, welche Verantwortung wir tragen oder welchen Rang wir in den Augen der anderen einnehmen. Vor Gott Kinder bleiben zu dürfen, das schafft neue Luft zum Atmen und gibt der Seele breite Flügel. Wenn es eng wird in meinem Leben, rufe ich mir diese tröstliche Glaubenseinsicht neu in Erinnerung. Und das Kind in mir lächelt und bügelt die Falten in meiner Seele wieder auf.

 

Audiobeitrag Erwachsen


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