Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.01.09, Pastorin Beate Raguse

Das Jetzt auskosten

Knatsch rot, sonnengelb, leuchtend orange. So liegen seit gestern die bunten Eier auf der Theke meiner Bäckerei. Dabei beginnt die Fastenzeit erst in vier Wochen.

Bis Ostern sind es sogar noch fast drei Monate. Die ersten Osterboten sind früh dran. Und bekräftigen mich  bei meinen Eindruck:

Egal, wohin ich schaue, was ich höre oder lese, ein Wörtchen gewinnt immer mehr an Gewicht; das Wort: früher.

Früher buchen, weniger zahlen, heißt es in der Werbung. Kinder und Jugendliche trinken immer früher Hochprozentiges, beklagen Eltern und Pädagogen.  Nach 12 Schuljahren Abitur machen, um dann  früher eine Ausbildung zu beginnen, darauf zielt die Reform im Schulwesen.

Na gut, mag man sagen, die Welt ändert sich. Und wer will schon als Gestriger gelten, indem er über das Neue klagt. Dennoch ist Skepsis geboten. Denn: das Wörtchen „früher“ ist selten allein unterwegs. „Früher“ gibt es meist im Verbund mit „schneller“ und: mit „kürzer“. Logisch, wer in 12 Jahren Abi machen muss, muss mehr Stoff in kürzerer Zeit lernen. Wenn schon im September Weckmännchen angeboten werden, verdrängt der Gedanke an Sankt Martin, dass gerade mal der Spätsommer angefangen hat.

„Früher“ gibt es nicht umsonst, es geht immer auf Kosten der Zeit, die gerade ist. Und vielleicht ist eben dieses „früher“ und „kürzer“ auch ein Grund dafür, dass sooft beklagt wird, man hätte immer weniger Zeit. Eben weil die Zeit, die ist, schon wieder entwertet wird durch das Neue, das sich in die Gedanken schleicht. Und weil eines immer mehr auf der Strecke bleibt: das Auskosten der Zeit. Jeden Tag Schnee genießen, Schlitten fahren, nach der Arbeit noch spazieren gehen, solange es geht. Aber auch den Winter manchmal aushalten, um sich dann umso mehr auf die ersten Tulpen zu freuen, die eben nicht aus Israel, sondern aus dem heimischen Boden kommen. Zu ihrer Zeit. „Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, ist wohl eines der bekanntesten Worte der Bibel.
 
„Geboren werden hat eine Zeit, sterben hat seine Zeit, pflanzen hat seine Zeit, ausreißen was gepflanzt ist, hat seine Zeit, abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit.“ Mehr und mehr Tätigkeiten zählt der biblische Text auf. „Weinen und lachen“ alles hat sein Recht, allem steht Zeit zu. Aber man kann die Worte auch noch anders hören, nämlich als Zusage; für all das ist Zeit da, fürs Arbeiten und fürs Ausruhen, fürs Lachen und fürs Klagen, du musst dir nichts versagen aus Sorge, die Zeit wird knapp. Und: der Prediger denkt in Paaren, „nähen hat seine Zeit und zerreißen. Klagen und tanzen, und auch herzen und aufhören zu herzen, Steine sammeln und Steine wegwerfen, Streit und Friede“.

Paare, die Lust machen, eigene zu finden, Hausarbeit hat seine Zeit und spielen hat seine Zeit, arbeiten hat sein Zeit und Feierabend hat seine Zeit“. „Alles hat seine Zeit“, der biblische Autor Prediger ist sich sicher, und einen Versuch wert ist es allemal zu probieren, ob es heute noch stimmt. Die Zeit auszukosten und manchmal auch auszuhalten und vielleicht zu merken, es ist doch mehr Zeit da, als ich dachte. Auch später noch! 

 

Audiobeitrag Das Jetzt auskosten


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