Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.01.09, Mark Pollmeier

Um ehrlich zu sein...

Ich bin mit einer Freundin im Café verabredet. Wir haben uns schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Bei Milchkaffee bringen wir uns nun gegenseitig auf den neusten Stand.

Eigentlich ist alles wie immer – trotzdem habe ich das Gefühl, irgendwas stimmt nicht mit ihr. Was mir ein bisschen unangenehm auffällt: Sie benutzt in jedem zweiten Satz das Wörtchen „ehrlich“:

„Ehrlich gesagt...“ 
„Also, wenn ich ehrlich bin...“ 
„Du, um ehrlich zu sein...“

Unser Gespräch bekommt dadurch einen merkwürdigen touch, als würde ich meine Freundin verhören. Oder aushorchen wollen. Dabei habe ich ihre Ehrlichkeit gar nicht angezweifelt.

Ich merke, wie der Zweifel in mir aufsteigt. Wenn sie so oft ihre Ehrlichkeit betont, hat sie’s wahrscheinlich nötig, denke ich. Und warte die ganze Zeit, dass gleich irgendein Klopper kommt: dass sie sich getrennt hat, dass schwanger ist oder ihren Job verloren hat.

„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“, fragt sie irgendwann halb empört. „Klar. Wieso?“, sage ich und merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Denn tatsächlich habe ich ihre letzten Sätze gar nicht richtig mitbekommen. Stattdessen hatte mir ausgemalt, was wohl mit ihr nicht stimmen könnte.

Aber da kommt nix mehr. Keine Krise, keine Trennung, keine Schwangerschaft. Dass sie so oft „ehrlich“ sagt, ist wohl nur eine neue Marotte von ihr, ein Tick, den mal sich halt so angewöhnt.

Die einzige, die in unserem Gespräch nicht ganz ehrlich gewesen ist, war wohl ich.

Sprecherin: Christiane Birgden

Audiobeitrag Um ehrlich zu sein...


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