Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.01.09, Pfarrer Ernst-August Pohl

Opium des Volkes

„Opium des Volkes“, so nannte Karl Marx die christliche Hoffnung auf das Jenseits, in dem alle diesseitigen Ungerechtigkeiten und alles Leid beseitigt sein werden.

Und er meinte damit: Die Aussicht auf eine Gerechtigkeit im  Jenseits würde die Menschen vertrösten und davon abhalten, im Diesseits für ihre  Rechte zu kämpfen, sich dafür einzusetzen, dass es bei der Verteilung zum Beispiel von Geld und Arbeit angemessen und gerecht zugehe. Damit war für ihn die Hoffnung auf ein Jenseits, auf die Welt Gottes als Nebelkerze, als billige Vertröstung erledigt. Opium des Volkes eben. Heute teilen viele Menschen diese Sicht der Dinge, manchem ist sie in Fleisch und Blut übergegangen. Vielen selbstverständlich geworden. Doch, was ist unter der Hand dadurch passiert? Was wird der tun, dem der Horizont der Ewigkeit aus dem Blick gerät? Wovon wird er träumen? Wie wird der leben? Er wird versuchen, möglichst alles möglichst schnell aus dem Leben herauszuholen, was es herauszuholen gibt. An möglichst vielen Orten zu sein, möglichst weit auf der Karriereleiter zu kommen, immer darauf achten, dass er auf der Siegerstraße bleibt und dass für ihn etwas dabei herausspringt, ganz gleich, woher es auch kommt und auf wessen Kosten dies geschieht. Immer wird er unterwegs sein müssen - ein Leben lang. Denn wer irgendwo ankommt und bleibt, der könnte ja etwas versäumen, etwas Einmaliges, das gerade anderswo stattfindet. Ein rastloses Leben ist es. Ein Leben ohne den Ausblick auf die Welt Gottes. Ein Leben ohne Ruhe und Mitte. Getrieben von der stetigen Angst etwas zu versäumen, nicht gerade dort zu sein, wo etwas Außergewöhnliches passiert. Nicht mehr dazuzugehören, wenn die  Kräfte eines Tages schwinden.  

Diesseitsfetischismus. Auch Opium des Volkes. Eine Droge der besonderen Art. Eine Droge, die viele brauchen, von der manche Branchen gut leben. Ein Rausch, der seine Opfer hinterlässt. Denn wenn die einen das Leben auskosten und alles mitnehmen, was sich ihnen gerade anbietet, haben die anderen bald nichts mehr, das für sie übrig bleibt. 

Der christliche Glaube an das Jenseits dagegen hat einen längeren Atem und eine größere Perspektive. Er lässt mich nicht vor Welt fliehen, sondern stellt mich wachsam in sie hinein. Der Ausblick auf den Himmel Gottes, in dem das Unversöhnte versöhnt, das Getrennte vereint, und das Unerfüllte erfüllt wird, macht mich gelassen. Ich muss nicht überall gewesen sein, um die Welt zu verstehen, das schaffe ich sowieso nicht. Ganz gleich wie lang mein Leben dauern würde, es würde nicht reichen. Hauptsache: ich bin bei mir selbst zu Hause. Und: Menschen stehen an meiner Seite, die mich kennen und mich mit meinen Ungereimtheiten aushalten. Ich muss mich nicht um die globale Ungerechtigkeit im Großen und Ganzen kümmern, aber um eine Ungerechtigkeit, um ein Problem, darum kann ich mich kümmern. Im Verbund mit anderen, nach besten Kräften und Einsichten. Es zu lösen zu versuchen und damit dazu beitragen, dass ein Stück Welt wieder in Ordnung kommt. Ich kann nicht alles erreichen in meinem Leben, aber meine Gaben auszuleben mir und anderen zur Freude, das darf mir reichen. Und auch das andere: das, was liegen geblieben ist, abgebrochen, unerfüllt und unversöhnt blieb... Das, was mir andere nicht verzeihen können und das, was ich mir selbst nicht vergeben kann... All das vertraue ich der Versöhnung Gottes an, seinem Himmel, in dem das Getrennte vereint, das Unversöhnte versöhnt und das Unerfüllte erfüllt wird.

Audiobeitrag Opium des Volkes


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