Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.01.09, Pastorin Beate Raguse

Die Kunst des Scheiterns

„Wechsel“ und „Hoffnung“, das waren die Schlagworte des Wahlkampfes in den Vereinigten Staaten. Monatelang konnten wir miterleben, was Hoffnung bewirken kann.

Am letzten Dienstag wurden wir daran erinnert. Als Obama als Präsident vereidigt wurde und die Bilder über den Schirm flimmerten. Vom langen spannenden Wahlkampf, schließlich vom Wahlabend, als sich wildfremde Menschen in den Armen lagen. Als Politiker weinten, die Massen in den Straßen feierten, Menschen mit hoffnungsvollen Gesichtern. Doch neben der Aussicht auf einen Wechsel und den vielen großen Emotionen gab es noch einen anderen ruhigeren, doch ebenso hoffnungsvollen Moment. Als nämlich der Gegenkandidat John McCain sprach.

Hatte er im Wahlkampf manches Mal eine schlechte Figur gemacht, zeigte er nun Größe. Er gestand seine Niederlage ein, zeigte Anerkennung für die Leistung seines Rivalen und versprach, Obama in Zukunft bei seinen Herausforderungen zu unterstützen. Und das, obwohl seine Niederlage richtig bitter war. Fast zwei Jahre lang hatte er persönliche Interessen zurückgestellt, seine Energie in diesen Wahlkampf gesteckt. Und dann den Kampf um das ganz große Ziel deutlich verloren. Und doch scheint er unmittelbar nach seiner Niederlage einen Strich unter das Vergangene gezogen zu haben. Mit Tränen in den Augen, aber mit klaren Worten analysiert er die Situation, zieht Bilanz, um sich dann dem Neuen zuzuwenden. Kurz: McCain beherrscht die Kunst des Scheiterns.

Sich selbst und der Welt einzugestehen, dass die eigenen Träume geplatzt sind, eine Welt zusammenbricht, und  Enttäuschung, manchmal Wut und Trauer auszuhalten, ist nichts, was irgendjemand gerne täte.

Aber etwas, was mehr und mehr Menschen durchleben. Gesellschaftliche Veränderungen, hohe Erwartungen oder die wirtschaftliche Situation führen dazu, dass manches Leben nicht verläuft wie geplant. Da bekommt ein Mann trotz guter Ausbildung keinen Arbeitsplatz oder muss weit unter seiner Qualifikation arbeiten. Da bemüht sich eine Frau um ihre Beziehung, geht zur Beratung, ändert ihr Verhalten, doch umsonst; ihr Partner trennt sich.

Brüche im Lebensweg sind heute an der Tagesordnung. Gradlinige Biografien werden seltener, sogenannte Patchwork- oder Bastelbiografien treten an ihre Stelle.

Den Einzelnen tröstet das wenig. Für ihn bleibt es schmerzhaft, das Scheitern. Bedeutet es doch immer ein Abschiednehmen von eigenen Träumen vom Erfolg, von Sicherheit, von meinem Lebensentwurf, vielleicht auch von meinem Bild von mir selbst.

Und doch ist dieses Abschiednehmen nicht das Ende, wenn es gelingt loszulassen. Einen Schlussstrich zu ziehen, das Verlorene nicht länger festzuhalten, und sich wieder der Zukunft zuzuwenden. Dann wird aus dem vermeintlichen Ende ein Wandel. Das Kreisen um den Verlust hört auf, es werden wieder Kräfte frei. Und dann ist auch wieder Platz für das, was wir auch im Scheitern so  nötig brauchen: für neue Hoffnung. 

Audiobeitrag Die Kunst des Scheiterns


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