Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.01.09, Pfarrer Ernst-August Pohl

Irgendwo muss es ja hin...

Wenn sich Nachbarn um den Zaunverlauf oder den lästigen Baum streiten und damit sogar vor Gericht ziehen, geht es um mehr als um ein bloßes Recht bekommen oder Recht haben.

Ich glaube, dahinter steckt auch der Versuch meinen privaten Raum vor Übergriffen von außen zu schützen. Einen privaten Bereich, der sowieso immer kleiner wird und steigenden Übergriffen ausgesetzt ist. Immer stärker wird das Gefühl, dass andere über mich verfügen.

Da werden Energie- und Lebensmittelpreise drastisch erhöht, und ich habe zu zahlen. Da werden Grundstückswerte gesenkt, und ich habe das hinzunehmen. Wen interessiert es schon, ob ich etwa dadurch meine Pläne für den Ruhestand spürbar ändern muss? Das fühlt sich nicht gut an, wenn über einen verfügt wird. Wenn man nicht gefragt wird. Was einem gestern noch als Schnäppchen unbedingt empfohlen worden ist, entpuppt sich heute als schlechtes Geschäft ohne Zukunft. Wenn man nachfragt, will am Ende dafür keiner verantwortlich sein. Und letztlich, wird einem bedeutet, hat man selbst unterschrieben.

Aber wenn der Nachbar auf meinem Grundstück einen Zaun errichtet... dann muss wirklich Schluss sein. Da mache ich einen Punkt. Das kann ich mit dem eigenen Zollstock nachmessen. Da kann ich mein Recht durchsetzen. Doch am Ende, wenn alles entschieden ist, wenn der Zaun rechtmäßig umgesetzt wurde, wenn das Gefühl der Genugtuung verflogen ist, dann beginnt das große Schweigen...

Irgendwo muss er doch hin, der Frust darüber, dass andere über mich bestimmen und ich weiß noch nicht einmal wer. Der Frust, zunehmend nur noch in meiner Funktion, aber selten noch als Person wahrgenommen zu werden. Zu erleben: an meinem Geld hat man Interesse, aber nicht mehr an meinen Träumen oder meiner Geschichte. Irgendwo muss das doch hin. Dennoch: Der Nachbar, die Kollegin, der Richter... meistens sind sie die falsche Adresse. Zumal sie ähnliches erfahren wie ich selbst.

Mitten in Jerusalem steht eine Mauer. Die Außenmauer des alten Tempels. Tausende von kleinen Zetteln sind in ihre ausgehöhlten Fugen gesteckt. Vollgeschrieben mit dem, worunter Menschen leiden, was sie bedrückt, was sie nicht verstehen, was sie sprachlos, hilflos und zugleich wütend macht. Menschen aus aller Welt und allen Zeiten haben dies aufgeschrieben. Haben es sich von der Seele geschrieben, von sich selber weggesteckt, in die Mauer hinein geschoben. Mit der Hoffnung: Gott kann etwas damit anfangen. Er nimmt meine Klagen ernst. Sie interessieren ihn. Sie stoßen bei ihm auf offene Ohren. Bei ihm ist das besser aufgehoben, als wenn ich das tagtäglich mit mir herumschleppe und es an mir nagt und frisst. Seine Klagen und Sorgen von sich selbst weg, auf Gott zu werfen, das befreit, das hilft, sortiert zu leben.

Das Machbare mit klarem Blick auszuloten. Was möglich ist, dann auch nach Kräften zu tun. Die eigenen Grenzen anzunehmen. Das täglich mit Gottes Hilfe einzuüben. Und wenn der Nachbar einen Zaun baut, mit ihm darüber in Ruhe zu reden. Und wenn das heute nicht möglich ist, es am nächsten Tag noch einmal zu versuchen. Ihm danach entweder beim Aufbau zu helfen oder den wieder abgerissenen Zaun beim gemeinsamen Lagerfeuer verbrennen.

Audiobeitrag Irgendwo muss es ja hin...


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