Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.01.09, Pfarrer Ernst-August Pohl

Mehr als ein schwarzer Fleck

27. Januar 1945. Soldaten der Roten Armee befreien das KZ Auschwitz. Was sie dort zu sehen bekommen, sprengt ihre Vorstellungskraft.

Nicolai Politanow, ein ehemaliger Frontdolmetscher, der seine erschütternden Erfahrungen auf „spiegelonline“ veröffentlicht hat, erinnert sich: „Wir standen im Kreis, alle schwiegen. Aus den Baracken kamen immer mehr hungrige und in Lumpen gehüllte, zu Skeletten abgemagerte Kinder gekrochen. Wie die Ameisen sammelten sie sich zu großen Gruppen und lärmten wie auf einem großen Schulhof. Sie warteten mit ausgestreckten Armen um Brot bittend und rufend, sie wimmerten vor Verzweiflung und wischten sich die Tränen ab. Unser kommandierender Oberleutnant Sergejew, sagte mit erschrockener, stockender Stimme: „Das kann doch nicht sein, mitten im 20. Jahrhundert. Ich kann nicht begreifen, dass solche Grausamkeit möglich ist. Wenn es einen Gott gäbe, könnte er vielleicht erklären, warum es dazu gekommen ist.“

Heute ist der 27. Januar 2009. Der Gedenktag an die Opfer des Holocaust. Wir werden einige Bilder von ihnen heute wieder im Fernsehen sehen. Und dann kommt manches zurück. Für die einen, die grausigen Erinnerungen, für die anderen die bohrenden Fragen: Wie konnte es nur passieren, dass Menschen so grausam werden? Wie konnte Gott das zulassen? Schweigen? Schwere Erinnerungen an 6 Millionen systematisch und planvoll ermordete Juden, Roma und Sinti. Bohrende Fragen auch noch nach 64 Jahren. Doch: wer könnte sie beantworten? Und wäre nicht jede Erklärung ein Versuch, das Geschehene zu verharmlosen? Es gibt bis heute viele, die angesichts des Massenmordes ihren Glauben an Gott verloren haben. Andere konnten das Geschehene ohne den Glauben an Gott überhaupt nicht ertragen.

Die bohrenden Fragen. Ihr Sinn liegt gar nicht darin, nach Antworten auf sie zu suchen. Gott sorgt dafür, dass sie im Raum stehen bleiben, bohrend und beunruhigend, als Stachel in unserem Herzen und Gewissen. Als Stachel für unser Denken, Handeln und Beten. Damit uns manches nicht mehr so schnell über die Lippen kommt. Damit wir wachsam bleiben gegenüber jeglicher Ideologie, die sich selbst zum Maßstab über alles setzt. Sei es, dass sie die eigene Rasse über alle anderen setzt, und sich selbst dabei das Recht herausnimmt, anderen das Recht auf Leben nehmen zu können. Im Namen der eigenen vermeintlichen Überlegenheit, Stärke und Macht. Wir sollten wachsam sein gegenüber jeglichem Reden von einem lebensunwerten Leben. Unbedingt daran festhalten: unantastbar ist die Würde jedes einzelnen Menschen, ob er nun krank oder gesund ist, arm oder reich, stark oder schwach. Und: ganz gleich, welcher Rasse er angehört. Wir sollten empfindsam sein, wenn andere Töne laut werden. Widersprechen, den Anfängen wehren.

Und wenn andere unsere Skrupel belächeln oder abwinken, so sollten wir ihnen sagen: wir haben verstanden. Wir wollen nicht vergessen, wohin das führt. Wir haben es einmal nicht verhindert, aber: um Gottes und der Menschen willen, dafür wollen wir leben und dafür einstehen, vor den Opfern, vor Gott und vor unseren Kindern, dafür stehen wir ein: ein zweites Mal darf das bei uns nicht passieren.

Audiobeitrag Mehr als ein schwarzer Fleck


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