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Conny zieht aus
Conny zieht aus. Große und kleine Kisten werden in den kurzfristig gemieteten Lieferwagen geladen. Der Schrank wurde sorgfältig zerlegt, damit er transportiert werden kann.
Sitzmöbel und ein nagelneues Bett kommen hinzu. Dann schließt sich die Heckklappe und es geht los.
Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer, mein Name ist Klaus Eberl. Ich bin evangelischer Pfarrer und Oberkirchenrat in Düsseldorf. Ich weiß nicht, welche Erinnerungen Sie mit Umzügen verbinden. Für die meisten ist es eine Last. Eine Strapaze.
Für Conny nicht. Sie freut sich riesig. Lange hat sie auf diesen Tag gewartet. Und sich vorbereitet. Gemeinsam mit sieben weiteren jungen Leuten für die Wohngemeinschaft, in der sie einziehen wird. Schon vor einigen Jahren haben die Planungen begonnen. Trotzdem haben alle nur eine vage Vorstellung von dem, was auf sie zukommt. Die Freude unbändig: Endlich raus aus der Umklammerung der Eltern! Endlich frei sein! Endlich auf eigenen Füßen stehen! Conny ist Anfang zwanzig. Sie und ihre Freunde haben eine geistige Behinderung.
Musik: Stacey Kent: What a Wonderful World
Autor: Conny und ihre Freunde ziehen in eine Wohngemeinschaft in der Mitte der Stadt. Menschen mit Behinderungen haben ganz ähnliche Bedürfnisse und Probleme wie ihre übrigen Altersgenossen, wenn sie den Sprung aus der behüteten Atmosphäre des Elternhauses wagen. Das Leben organisieren, für sich selbst sorgen, der Sehnsucht nach Zärtlichkeit Ausdruck verleihen, verantwortlich miteinander umgehen, kochen, waschen, Hausarbeit
Einige Mitbewohner Connys waren vorher stationär untergebracht. Der Wechsel vom Heim ins ambulant betreute Wohnen war mit einem intensiven Trainingsprogramm verbunden. Nun kann es losgehen. Mitten in der Stadt entsteht ein Projekt, das für die betroffenen jungen Leute, die Eltern, die Nachbarn, aber auch für die Kirchengemeinde vor Ort und die diakonische Einrichtung, die die Assistenz organisiert, ein Abenteuer ist. Auf alle Beteiligten wartet eine Zeit voller Überraschungen und neuer Erfahrungen.
Selbstständiges Wohnen ist für Menschen mit Behinderungen auch heute keine Selbstverständlichkeit. Schon in den 60er Jahren entwickelte sich in den USA die Independent-Living-Bewegung. Rollstuhlgerechte Wohnungen wurden gesucht, ein Helferpool aufgebaut. Jedem Menschen mit Beeinträchtigungen sollte die Entscheidungsfreiheit gegeben werden, wo er leben will: Im Heim, in der Familie oder unabhängig. Es dauerte lange, bis diese Bewegung auch in Deutschland an Bedeutung gewann. Viele Eltern opfern sich auf, um ihr Kind zu betreuen und ihm die nötige Geborgenheit zu geben. Sie haben Angst vor dem Zeitpunkt, an dem sie dazu nicht mehr in der Lage sind.
Noch vor 20 Jahren gab es dann kaum eine Alternative zum Heim oder zur Anstalt. Im 19. Jahrhundert war die Anstalt ein fortschrittliches Modell. Hier konnten pädagogische Anstrengungen, Arbeits- und Wohnmöglichkeiten miteinander verbunden werden. Allerdings war die Entwicklung einer Sonderwelt für Menschen mit Behinderung die Folge. Oft wurden sie zu bedürfnislosen Sorgenkindern gemacht, die christliche Nächstenliebe brauchen, aber nicht eigene Wege gehen können. Die einen geben, die anderen empfangen. Die einen sind stark, die anderen schwach. Die einen sind gesund, die anderen krank und - ziemlich arm dran. Hilfe als Einbahnstraße. Das hat sich geändert. Auch bei uns ist das Bild von Behinderung im Umbruch. Nichts über uns ohne uns heißt nun das Leitmotiv. Oder auch: Es ist normal, verschieden zu sein. Selbstbewusst werden solche Sätze gesprochen. Denn Menschen mit Behinderung sind Experten in eigener Sache. Deshalb wird über kurz oder lang Gras über die Anstalt zu wachsen. Immer mehr Großeinrichtungen werden aufgelöst. Gleichzeitig werden dezentrale Wohnprojekte geschaffen. Daheim statt Heim nennt sich die Initiative, die Behindertenhilfe mitten in der Bürgergesellschaft ansiedeln will.
Mit Connys Auszug hat auch für ihre Mutter eine spannende Zeit begonnen, die von einem Wechselbad der Gefühle begleitet wird. Fragen über Fragen! Ist es nicht zu früh für den Auszug aus der Familie und der vertrauten Umgebung? Wird sie glücklich (ohne die Eltern)? Gelingt es, Verantwortung abzugeben und trotzdem die Bindung zu behalten? Den offenen Fragen stehen die Chancen gegenüber. Denn die Eltern freuen sich auch auf die Entlastung von der Sorge, die sie schon so lange tragen. Alle Eltern der neuen Wohngruppe setzen ihre Hoffnung auch auf die Menschen, die ihre Kinder begleiten werden: die Assistenten, die Nachbarn, die gesellschaftlichen Institutionen, die Kirchengemeinde. Neue Brücken sollen gebaut und ihre Tragfähigkeit erprobt werden. Wird alles gut? Connys Mutter weiß: Zum Normalisierungsprinzip gehört auch die Bereitschaft, Risiken in Kauf zu nehmen.
Musik: Chris Botti: Whatll I Do
Autor: Ich sehe den Lieferwagen vor dem Haus von Connys Eltern und muss an Abraham im Anfangsbuch der Bibel denken. Da zieht jemand aus. Nicht um das fürchten zu lernen, wie es im Märchen heißt, sondern um etwas Neues zu suchen, das er noch nicht kennt. Eine seltsame Geschichte ist das. Abraham macht sich auf den Weg und verlässt seine Heimatstadt. In Haran geht es ihm gut, sehr gut sogar. Er hat alles, was man sich wünschen kann: Liebe Menschen, die sich um ihn kümmern. Genug Geld, um sorgenfrei zu leben. Alles ist ihm vertraut. Jede Straße. Jedes Haus. Warum machst Du das, Abraham? werden die Leute gefragt haben. Mach keinen Quatsch! Wer weiß, was auf dich zukommt. Wirst du das überhaupt schaffen? Lange hat Abraham überlegt, was richtig ist. Mit seiner Frau und seinen Freunden hat er alles besprochen, das Für und Wider abgewogen. Jetzt ist die Entscheidung reif.
Abraham ist neugierig auf das Leben, das Gott ihm verspricht. Jedes Wort, das Gott gesagt hat, bewegt er in seinem Herzen: Geh aus deinem Vaterland
in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Lange hat Abraham über diese Worte nachgedacht. Kann ich mir das zutrauen? Soll ich mich nicht zufrieden geben mit meinem kleinen Glück, das ich in Haran erlebe? Da packt Abraham packt seine Sachen, bricht auf und macht sich auf den Weg. Er träumt von einem Ort, der genau zu ihm passt. Er sucht eine Geborgenheit, die seine Freiheit respektiert. Seine Vorstellungen von Heimat und Fremde werden dabei kräftig durcheinander gewirbelt. Es gibt keine Sicherheit, an der er sich festhalten kann. Nur die Zusage Gottes: Ich bin mit dir auf dem Wege. Bei der Suche nach dem versprochenen Land bist du nicht allein. Ich will dich segnen.
Musik: Hans-Jürgen Hufeisen: Kanon
Autor: Ich bin sicher: Auch Connys Aufbruch steht unter dem Segen Gottes. Als wir die ersten Kisten in die Wohnung tragen, steht im leeren Zimmer zunächst nur ein einsamer Stuhl. Der Stuhl ist für mich ein Symbol. Es geht um eine Kultur, in der jeder Mensch einen Platz hat. Es geht um eine Kultur des Zusammenlebens von Menschen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Jeder und jede soll mit den eigenen Fähigkeiten und Grenzen voll dabei sein. Einen festen Platz in der Gesellschaft haben, der der eigenen Persönlichkeit Rechnung trägt.
Conny ist jedenfalls schnell in der neuen Umgebung heimisch geworden. Die Kontakte bereiten ihr viel Freude. Sie ist freier geworden. Mit ungeahnter Selbstverständlichkeit geht sie auf andere Menschen zu, macht neue Erfahrungen. Dabei wächst das Selbstvertrauen mit jedem Schritt, der gelingt. Das Wagnis steht deutlich vor Augen. Für alle Beteiligten. Besonders den Eltern ist das bewusst. Sie geben ein Stück weit das zukünftige Leben ihrer Kinder aus der Hand, in der Hoffnung, dass andere Menschen dieses Leben akzeptieren, damit das eintreten kann, was jeder Mensch sich wünscht: angenommen und geliebt zu sein. Sie hoffen auf Integration oder - besser ausgedrückt - Inklusion. Denn verändern müssen sich bei diesem Aufbruch alle Beteiligten.
Kirchengemeinden bieten für diese Integrationsaufgabe gute Voraussetzungen. Es gehört zu den biblischen Grundlagen ihrer Arbeit, dass die Wertschätzung eines jeden Menschen, seine Würde, eine unverfügbare und unverlierbare Gabe Gottes ist:
- Wir sind von Gott gewollt. Das heißt: Jeder einzelne Mensch hat Würde und Persönlichkeit. Behinderung ist kein Makel, kein Defizit. Leistungen sind wichtig, aber an ihnen entscheidet sich nicht, ob jemand ein sinnvolles Leben führt. - Wir sind von Gott geliebt. Das heißt: Gott kennt keine hoffnungslosen Situationen. Behinderung ist eine Herausforderung, die entstehenden Aufgaben solidarisch zu bewältigen. - Wir sind von Gott befreit. Das heißt: Die Regeln, die für ein normales Leben bereitstellt werden, habe keine endgültige Bedeutung.
Der Integration ist nämlich wechselseitig zu verstehen. Nicht (allein) Menschen mit Behinderungen bedürfen des Lernens und - z.B. - der Einstellung auf eine neue Wohnsituation, sondern auch die Gesellschaft, in der sie leben. Um das zu verstehen, genügt eine einfache Erinnerung. In christlicher Perspektive ist jeder Mensch auf Hilfe angewiesen, ein imperfektes Wesen. Kein Mensch ist eine Insel. Menschsein heißt In-Beziehung-Sein. Wir sind eingebunden in lokale und globale Zusammenhänge, ein Netz, das uns tragen kann, das uns aber auch verwundbar macht. Nicht aus den Fähigkeiten des Menschen resultiert seine Würde, sondern aus der Bejahung, die von Anfang an für jeden gilt. Wo dies gelebt wird, entsteht etwas neues, das wir noch nicht kennen.
Conny ist ausgezogen. Das Abenteuer selbstbestimmten Lebens beginnt täglich neu.
Aus der Evangelischen Kirche im Rheinland grüßt Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, Pfarrer Klaus Eberl
Musik: Máire Brennan: Follow The Word
Musikinformationen: - Stacey Kent: CD Breakfast On the Mornung Tram, What a Wonderful World, Token Productions 2007, Track 12 - Chris Botti: CD When I Fall In Love, Whatll I Do, Sony BMG Music Entertainment 2004, Track 2 - Hans-Jürgen Hufeisen: CD Auslese, Kanon von Johann Pachelbel, Boulevard-Records 2006, Track 5 - Máire Brennan: CD Whisper To The Wild Water, Follow The Word, Word Entertainment LLC 1999, Track 1
Conny zieht aus
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