| |
Andächtig sein
In einer kurzen Pause zwischen zwei Sätzen trat überraschend eine erhabene Stimmung auf. Eine deutlich spürbare Kraft hüllte meinen Gesprächspartner und mich ein.
Ein tiefes Einverständnis verband uns. Wir verharrten eine Weile im Schweigen. Auch mein Gegenüber schien diese Stimmung bewusst wahrzunehmen und machte keinen Versuch, diese kostbaren Momente der Stille durch eilige Worte zu verdrängen. Wie wohltuend sind solche Situationen, in denen uns ein andächtiges Schweigen umfängt.
Augenblicke der Andacht können mitten im Alltag entstehen. Das Gefühl, dass ein Funke zwischen mir und einem anderen überspringt. Das Bewusstsein eines solidarischen Einverständnisses. Ein Gespür der Einheit zwischen mir und einem Gegenüber. Die Verknüpfung von meinem Selbst mit einer stärkeren geistigen Macht. Das Gespür der Gegenwart einer göttlichen Kraft.
Kinder besitzen diese Fähigkeit zur Andacht schon früh. Der Säugling auf dem Arm seiner Mutter weiß die Stille und Harmonie dieser Zweisamkeit zu genießen. Kostbare Augenblicke der Einheit und Geborgenheit. Nicht mehr auslöschbare Erinnerungen, die spätere Einstellungen und Entwicklungen des Kindes vorprägen und mitbestimmen werden.
Ein Kleinkind, soeben aus dem Schlaf erwacht, blickt unverwandt auf den Reflex eines Sonnenstrahls an der Wand neben seinem Bettchen. Es erlebt, wie im Lichtstrahl ein Stück Raum aufleuchtet und lebendig wird, näher rückt oder sich entfernt. Es nimmt wahr, wie die Umgebung über es hinausgeht, ein Eigenleben zu führen scheint und zugleich mit ihm in Beziehung tritt.
Die Fähigkeit andächtig zu sein, entsteht vor dem Erlernen der Sprache. Es scheint eine natürliche Fähigkeit zur Andacht zu geben. Sie ist eng mit Berührungen und Gesten, Symbolen und Ritualen verbunden. Die Fähigkeit zur Andacht entsteht, wenn ein Kind mit Vater und Mutter noch in ganz enger leiblicher Verbindung lebt. Wenn ein Kind körperliche und seelische Berührungen als tiefe Momente der Geborgenheit und des Vertrauens erleben kann.
Solche Gelegenheiten ergeben sich ganz von selbst im Alltag. Aber sie müssen von den Eltern erkannt und aufgenommen werden. Und mit welchen Inhalten füllen sie dieses kostbare Gefäß? Wenn es hierbei zu liebe- und verständnisvollen Begegnungen kommt, frei von Zwängen und Ängsten, werden solche Erfahrungen zu einer Quelle von Kraft und seelischem Reichtum. So entsteht ein spirituelles Grundgefühl, auf das später immer wieder zurückgegriffen werden kann. Es wachsen Vertrauen und Lebensbejahung. So wird auch der Erwachsene Situationen erkennen und erleben können, die über ihn hinausverweisen.
Der einvernehmliche Gedankenaustausch mit einem Menschen, das Mit- und Nacherleben einer künstlerischen Darstellung, das Anzünden einer Kerze, der Blick ins lodernde Feuer oder in die offene Weite, der Besuch eines Gotteshauses versetzen uns in eine weihevolle Stimmung und lassen die Seele reifen. In solchen Augenblicken sind seelisches und körperliches Erleben eng verschlungen. Manche spüren einen Schauer, sprechen von einem Ergriffen- oder Überwältigt-Werden, von einem herausgehobenen Gefühl, das Ganzheit erzeugt. Als ob einer zu ihnen sagt: Du bist ein wertvoller Mensch, auch wenn du dich mit vielen Selbstzweifeln plagst. Du bist willkommen auf dieser Welt. Als spräche eine göttliche Stimme zu ihnen: Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.
Andächtig sein
|