Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.01.09, Dr. Rainer Neu

Den Glauben erfahren

Liebe Hörerinnen und Hörer! Wie lässt sich der Glaube eigentlich erfahren? Kann ich den Glauben als eine Wirklichkeit in meinem Leben wahrnehmen?

Nicht nur in den besonderen Stunden einer religiösen Hochstimmung, nein, ich meine: mitten im Alltag.

Vergleicht man Berichte von Glaubenserfahrungen – und davon gibt es viele, auch aus unserer Zeit –, stellt man fest, dass jede Erfahrung anders und einmalig ist. Und doch erkenne ich in vielen Berichten eine Gemeinsamkeit. Solche Menschen erfahren die Gegenwart einer höheren freundlichen Macht in ihrem Leben. Irgendwie scheint sie das Leben fröhlich anzulachen und sie fühlen sich geborgen und gehalten. Diese Menschen leben nicht unbedingt in einem kirchlichen Kontext, es sind nicht immer Christen, und manche betonen sogar, dass sie eigentlich nicht religiös sind. Und doch teilen sie eine gemeinsame Erfahrung: Sie erleben Zeiten in ihrem Leben, in denen sie die Güte und Schönheit des Lebens wie eine reine warme Luft umweht. Sie spüren in ihrem Inneren einen tiefen Frieden und eine Geborgenheit – und das nicht nur in den besonderen Glücksmomenten ihres Lebens.

Ein Mann, der einige Zeit zurückgezogen in einer Hütte im Wald verbrachte, schrieb: „Allein zu sein erschien mir nach einigen Tagen recht unerfreulich. Doch als ich während eines sanften Regens dieser Stimmung nachhing, kam mir plötzlich beim ruhigen Prasseln der Tropfen zum Bewusstsein, wie mir die Natur selbst freundliche und wohltuende Gesellschaft leistete. Eine unendliche und unaussprechliche Güte schienen mich zu tragen. Jede Kiefernadel hauchte mir freundschaftliche Sympathie entgegen. Ich empfand so deutlich eine vertrauensvolle Gegenwart, dass ich meinte, ich könnte mich nie mehr irgendwo fremd fühlen.“

Menschen, die so empfinden können, verspüren eine innere Festigkeit und Sicherheit. Eine Sicherheit, die man nur erfahren kann und dann nicht mehr vergisst. Die Ängste und Selbstzweifel sind von ihnen genommen. Die Widersprüche des Lebens sind eingebettet in die Erfahrung einer übergreifenden Harmonie.

Ein älterer Physiker, der zeit seines Lebens ein Einzelgänger war, der sich mit sozialen Kontakten schwer tat und dem es an einem natürlichen Selbstbewusstsein mangelte, schrieb mir: „Erst jetzt, in der Rückschau auf mein bisheriges Leben, wo ich sehe, wie Gott mich offensichtlich in allen erdenklichen Lebenssituationen geleitet und bewahrt hat, wächst ganz langsam eine Art von Urvertrauen in mir.“

Für Christen nimmt dieses Gefühl eines Urvertrauens, einer alles durchwaltenden Güte und Harmonie, einen bestimmten und persönlichen Charakter an. Es ist die Gewissheit der Gegenwart Gottes in ihrem Leben. Eine Quelle von Ruhe und Zuversicht. Das heißt nicht, dass es in ihrem Leben keine Konflikte und keinen Streit gibt, kein Leid und keinen Schmerz. Und es heißt gewiss nicht, dass sich jeder Wunsch erfüllt. Aber sie leben in einer inneren Haltung, in der sie bereit und fähig sind Glück wie Leid hinzunehmen. Auch im Leid fühlen sie sich an der Hand gehalten. Auch durch schwere Zeiten fühlen sie sich hindurch getragen. Noch im Schmerz fühlen sie sich geliebt und beschützt. Die Nähe Gottes erweist sich stärker als Furcht und Leid.

„Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat“, heißt es im 73. Psalm. „Denn das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn.“

 

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