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Leo Tolstoi
Ich war allein und lauschte den geheimnisvollen Lauten der Natur. Meine Gedanken richteten sich auf die Frage, die sie nun schon seit drei Jahren beschäftigte,
die Frage nach Gott. Aber die Vorstellung von Gott! sagte ich zu mir wie bin ich nur zu dieser Vorstellung gekommen?
Diese Sätze notierte Leo Tolstoi in sein Tagebuch, als er als Schriftsteller berühmt und reich geworden war. Damit begann für ihn eine Phase der Orientierungslosigkeit. Er fühlte sich am Abgrund angelangt. Erst allmählich begriff er, dass er nicht am Leben im allgemeinen verzweifelte, sondern an dem Leben der oberen Schichten, wie er es selber führte. Er hatte das Elend der Armen im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts wahrgenommen unter den Arbeitern in den Städten ebenso wie bei den Bauern auf dem Land. Er verurteilte die modernen Wirtschaftsverhältnisse, die soziale Ungerechtigkeit und setzte sich für die Armen ein.
Von dem Leben der Reichen fühlte Tolstoi sich abgestoßen. Er durchschaute ihre egozentrische und sinnentleerte Lebensweise. Dieses konventionelle Leben voller Förmlichkeit, Künstlichkeit, Ehrgeiz und Besitzstreben. Er begann seine Einsichten auch literarisch zu verarbeiten. Er schrieb: Es gibt Menschen, die ein Stück Land mein nennen und dieses Land nie gesehen und betreten haben. Die Menschen trachten im Leben nicht danach zu tun, was sie für gut halten, sondern danach, möglichst viele Dinge mein zu nennen.
Tolstoi verspürte die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens. Er hatte ein verkehrtes Leben geführt, sich dem Vergnügen und der Spielsucht hingegeben, beim Kartenspiel sein elterliches Landgut verloren und wollte endlich ein neues Leben anfangen. Er fragte nach zuverlässigen moralischen Werten, nach einem verbindlichen Lebensstil, nach Gott. Er hielt in seinem Tagebuch fest: Bei diesem Nachdenken erwachte in mir wieder ein froher Zug zum Leben. Alles wurde in mir lebendig, alles bekam einen Sinn. Was suche ich noch weiter? fragte eine Stimme in mir. Er ist ja da, Er, ohne den man nicht leben kann. Gott anerkennen und leben ist ein und dasselbe. Gott ist Leben. Nun wohl, lebe, suche Gott! ohne ihn gibt es kein Leben.
Tolstoi wusste jetzt, wie ein solches Leben aussehen sollte. Er wollte für die eigenen täglichen Bedürfnisse arbeiten, Unaufrichtigkeiten und Eitelkeiten abschwören. Er verzichtete auf Rauchen, Alkohol und die Jagd. Er setzte sich für politisch und religiös Verfolgte ein, besuchte wegen Kriegsdienstverweigerung Inhaftierte im Gefängnis. Einfach sein, an Gott glauben. Darin würde er wieder Glück finden.
Darüber vermerkt er in seinem Tagebuch: Alles wurde in mir und um mich heller als je zuvor und das Licht ist niemals wieder ganz erloschen. Wann dieser Wandel sich vollzog, kann ich nicht genau sagen. Aber ebenso unmerklich und allmählich, wie die Kraft zu leben in mir vernichtet worden und ich geistig gestorben war, so allmählich und unmerklich kam auch der Wille zum Leben wieder zurück. Ich gab das Leben der Gesellschaft auf, denn ich erkannte, dass es kein wahres Leben sei, sondern lediglich eine Parodie aufs Leben.
Er erkannte immer deutlicher, worauf es im Leben ankam. Ihn faszinierten die schlichten Lehren Jesu, wie er sie in den Evangelien, besonders in der Bergpredigt, fand, die er in ihrer Ursprache Griechisch las. Er übersetzte sie in ein zeitgemäßes Russisch. Als Kern dieser Botschaft betonte er die radikale Nächstenliebe sowie die Aufforderung dem Bösen nicht mit Gewalt zu widerstehen. Einfach sein, an Gott glauben, sich den Mitmenschen zuwenden dieser Maxime blieb er bis an sein Lebensende treu.
Leo Tolstoi
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