Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.01.09, Dr. Rainer Neu

Sich erinnern

Man kann Menschen daran unterscheiden, welche Gestalt sie ihren Erinnerungen geben. Die Art und Weise, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen, entscheidet mit darüber,

wie wir unser gegenwärtiges Leben verstehen. Freude und Leid, Zufriedenheit oder Verbitterung hängen nicht allein davon ab, was sich in unserem Leben ereignet, sondern auch davon, wie wir uns an vergangene Erlebnisse erinnern. Vielleicht sind die tatsächlichen Ereignisse sogar weniger wichtig als die Form, die wir ihnen in unseren Gedanken und Erzählungen geben. Menschen, die Gleiches erlebt haben, erinnern sich daran sehr unterschiedlich – egal, ob es sich um einen Unfall oder eine Krankheit, einen Erfolg oder eine Überraschung handelt. Und viel von ihrem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein leitet sich weniger von dem ab, was geschehen ist, als davon, wie sie sich an das Geschehene erinnern, wie sie die vergangenen Ereignisse in die eigene Geschichte einbauen.

Unsere Gefühle stehen in enger Verbindung zu unseren Erinnerungen. Das können belastende Gefühle sein: Gewissensbisse etwa oder Schuldgefühle. Anklagende Erinnerungen, die an ein Unrecht oder Versagen in der Vergangenheit geknüpft sind. Aber Erinnerungen können auch Dankbarkeit und Freude auslösen, Gefühle von Geborgenheit und Vertrauen. In jedem Fall wirken die Erinnerungen auf unser jetziges Leben ein. Bestimmen mit, wie wir unsere Welt und Mitmenschen wahrnehmen.

Ein Arzt oder Therapeut fragt einen Patienten zunächst nach seiner Krankheitsgeschichte. Dessen Antworten geben nicht unbedingt die objektiven Geschehnisse wieder, sondern seine Erinnerungen an das Erlebte. Und darin klingen oftmals seine Leiden an den Erinnerungen mit. Die wunden Stellen in seinem Leben, die nach Heilung verlangen. Gefühle des Versagens, der Einsamkeit, der Trennung. Die belastenden Erinnerungen leben oft versteckt in uns und sind schwer zu erreichen. Während wir positive Erinnerungen mit Gegenständen, Bildern oder Auszeichnungen verbinden, hausen schmerzliche Erinnerungen versteckt in einer Ecke unseres Vergessens und verursachen viel Leid.

Wir neigen dazu unerwünschte Erinnerungen zu verdrängen. Wir wollen nicht darüber sprechen. Wir wollen tun, als ob nichts geschehen wäre. Wir möchten unsere Lebensgeschichte auf eine Sammlung angenehmer Erlebnisse begrenzen und sie unserem Wunschbild von uns selbst angleichen. Doch dadurch erlauben wir unseren ungeliebten Erinnerungen eigenmächtige Kräfte zu werden, die unser Leben störend und unheilvoll beeinflussen.

Wenn Jesus sagt: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken“ (Mk 2,17), so gibt er zu verstehen, dass nur für die Heilung möglich ist, die ihren wunden Zustand zu sehen wagen. Die auch ihre schmerzlichen Erinnerungen zulassen und sich ihnen stellen. Die das Misslungene als Chance verstehen aus den Enttäuschungen des Lebens zu lernen, um reifer zu werden. Nur was aus dem Vergessen herausgeführt wird, kann geheilt werden. Nur was als Teil der eigenen Lebensgeschichte zugelassen wird, kann aufgearbeitet werden. Sich erinnern wird zum Beginn einer neuen Freiheit von der heimlichen Macht des Verdrängten. So weicht das unerkannte Störende aus unserem Leben. Es eröffnen sich neue Lebensmöglichkeiten. Es tut sich ein neuer Zugang zu den Mitmenschen und zu Gott auf.

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