Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.01.09, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Unter - Scheidung

Jetzt sind sie endgültig bei „Null“ angekommen. Nichts geht mehr. Noch nicht mal über die einfachsten Haushaltsgegenstände können sie sich verständigen.

Ihr ist schon länger klar: Weiter mit ihm zusammenleben – auf keinen Fall. Also Ausziehen aus der gemeinsamen Wohnung. Nach 20 Jahren. Die Kinder sind ja fast erwachsen. Was soll sie da noch halten bei einem Mann, den sie nicht mehr liebt? Milde gesagt. Der ihr nur noch auf die Nerven geht. Den sie manchmal kaum noch aushalten, kaum noch ertragen kann. Seelisch nicht, körperlich schon gar nicht. Unvorstellbar vor Jahren, aber jetzt Realität. Sie fühlt sich in seiner Gegenwart unwohl. Fremd. Mehr als das. Seit sie sich zur Trennung entschieden hat, ist es noch schlimmer geworden. Alle Geduld verbraucht. Alle Toleranz. Von „Liebe“ ganz zu schweigen.

Und jetzt der Kleinkrieg. Oder zumindest die Vorgefechte: Was ist mit der Wohnungseinrichtung? Die Polstermöbel – gut, soll er sie behalten, die atmen sowieso den Mief verschenkter Jahre. Aber das Teeservice, das will sie unbedingt mitnehmen. Doch da stellt er sich quer. Immerhin hatte seine Mutter ihnen das mal geschenkt. Warum also sollte sie es mitnehmen dürfen?

Sie stehen vor dem Küchenschrank. Nah beieinander. Rechnen das Geschirr auseinander. Wollen eigentlich so nah nicht nebeneinander stehen. Und das ist erst der Anfang. Wenn er das Auto behält, warum sollte sie nicht den Bausparvertrag bekommen. Die CD – Sammlung. Und all die Dinge von Waschmaschine bis Gefrierschrank.

Und jetzt der Bücherschrank im Wohnzimmer. Für jedes Buch stellt er sich an. Nein, es ist ihm nicht egal, ob er das Photoalbum bekommt oder nur die Abzüge der Photos, die sie ihm anbietet. Und die Bibel, die sie zur Trauung geschenkt bekommen haben, will er auch behalten. Er widert sie an, aber klein beigeben will sie auch nicht. Er soll doch nicht meinen, dass er alles behalten kann, nur weil er behauptet, er hänge dran.

Woran beide in diesem Augenblick nicht denken: In der umstrittenen Familienbibel wäre zu lesen: „Hütet euch vor der Habgier. Denn niemand lebt davon, dass er viel besitzt.“ (Lukas – Evangelium, Kapitel 12, Vers 15)

Sie kennt den Spruch nicht. Und meint, dass sie ihrem Noch - Mann selbst die Photoalben, in die seit Jahren niemand mehr reingeschaut hat, nicht überlassen kann. Und er kennt den Spruch auch nicht und meint, ein Leben sei in Zukunft  ohne Teekanne undenkbar. Dabei sind doch all die Dinge, um die sie jetzt kämpfen, nur Stellvertreter für das gescheiterte gemeinsame Leben. Für den Schmerz über das Geschehene, den man lindern möchte. Wenn die Lebensplanung schon nicht mehr klappt, wenn die Liebe gestorben ist, dann wenigstens materiell noch rausholen, was zu holen ist.

Statt loszulassen. Statt hinzunehmen, was nicht zu ändern ist. Niemand lebt davon, dass er viel besitzt. Klar, muss man nach gerechter Verteilung suchen. Klar, brauchen beide ihr Auskommen. Aber keine Teekanne rettet die untergegangene Beziehung. Kein Sparbuch heilt die seelischen Wunden.

Kein Bausparvertrag löst die Frage nach den eigenen Anteilen am Scheitern der Beziehung. Keine Lebensversicherung versichert einem die Zukunft ohne einander. Niemand lebt davon, dass er viel besitzt.

Es wird für beide Zeit, sich aus dem Weg zu gehen. Um Hass und Ablehnung nicht noch wachsen zu lassen. Es wird für beide Zeit, sich vom Irrglauben zu lösen, die wesentlichen Dinge des Lebens hätten mit dem zu tun, was man besitzt. Und es ist für Beide an der Zeit, sich klar zu werden, wofür man eigentlich lebt. „Denn niemand lebt davon, dass er viel besitzt.“

Audiobeitrag Unter - Scheidung


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