Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.01.09, Pfarrer Martin Vogt

Vergeben können

Als er sie sieht, ist es sofort wieder da: das Gefühl, die Stacheln aufstellen zu müssen. Die Befürchtung: Sie will was von mir. Sie kommt mir zu nahe.

Jedes Mal, wenn er seiner Schwester in den letzten Jahren begegnete, verfiel er in diese Verteidigungshaltung. Sie überkam ihn wie eine Verkrampfung. So war es auch jetzt, als er zum vereinbarten Zeitpunkt in das Café kam.

Dabei ahnte er, dass dieses Treffen anders verlaufen würde als die letzten. Denn ihr Mann war gestorben. Alles war sehr schnell gegangen. Und jetzt saß sie ihm gegenüber und sagte, sie wolle ihr Leben neu ordnen.

Als er nicht reagierte, fuhr sie fort: In den letzten Monaten habe sie gemerkt, dass vieles in ihrem Leben falsch gelaufen sei. Auch in der Beziehung zu ihrem Mann. Aber als ihr das klar wurde, war es für ihre Ehe zu spät gewesen. Deswegen hatte sie dieses Treffen gewollt. Damit es zwischen ihnen beiden nicht auch irgendwann zu spät ist.

Er reagierte immer noch nicht. Da sprach sie es ganz offen aus: „Lass uns noch mal neu miteinander anfangen. Die alten Sachen vergessen und uns wieder vertragen. Ich weiß, was dich an mir stört, und ich werde versuchen, mich zu ändern.“

Das klang ehrlich. Er hatte wirklich das Gefühl, sie meinte es ernst. Aber gleichzeitig merkte er, dass er sich nicht so einfach auf einen Neubeginn einlassen konnte. „Die alten Sachen vergessen“ - das sagt sich so leicht! Die Verletzungen waren schließlich da, die konnte er doch nicht einfach ablegen oder leugnen!

Deswegen ärgerte er sich bei der Rückfahrt über sich selbst. Weil er eingewilligt hatte, dass sie in 14 Tagen zu Besuch käme. Sie wollte wissen, wie er jetzt wohnt, wie die Kinder sich entwickelt haben, mal wieder seine Frau treffen. Mann, das war doch genau das, was er nicht wollte! Er wollte sie aus seinem Leben ’raushalten! Sollte sie doch sehen, wie sie allein klar kam! Sollte sie sich doch in ihre Arbeit stürzen, wenn ihr nach neuem Lebenssinn zumute war!

Gleichzeitig fragte er sich, ob man jemanden abweisen durfte, der einen Neuanfang wollte. Der fast um Verzeihung bat. Wäre es nicht unmenschlich, ihr die Vergebung, den Neuanfang zu verweigern?

Und vor allen Dingen: Wäre es nicht schön, ihr vergeben zu können? Wäre es nicht entlastend, den alten Groll ablegen zu können, die krampfhafte Verteidigungshaltung aufzugeben und die Verletzungen endlich heilen zu lassen?

„Wahrscheinlich“, dachte er, „ist deshalb in der Bibel die Vergebung so was Wichtiges. Weil ohne Vergebung das Zusammenleben der Menschen unmöglich ist. Und weil man selbst auf die Dauer kaputt geht, wenn man nicht vergeben kann.“

Aber genau das ist der entscheidende Punkt: Er kann nicht vergeben. Jedenfalls nicht im Moment. Er kann sich nicht dazu zwingen. Und er will auch nicht so tun, als wäre es ihm Recht, dass seine Schwester bei ihm auf dem Sofa sitzt, den Garten bewundert und die Kinder beschenkt.

Seine Frau macht schließlich den rettenden Vorschlag: „Lass uns in den Zoo gehen. Dann trefft ihr euch auf neutralem Boden, die Kinder haben ihren Spaß und ihr könnt euch langsam wieder aneinander gewöhnen. Und wenn ihr unter vier Augen reden wollt, geh’ ich mit den Kindern auf den Spielplatz und lass euch ’ne Weile allein.“

Da merkt er, wie sich die Verkrampfung etwas löst. Neutraler Boden klingt gut. Und die Vorstellung, sich langsam wieder an seine Schwester zu gewöhnen, fällt ihm leichter als ein sofortiger Neuanfang. „Wenn das Vergeben ein längerer Prozess ist,“ denkt er, „wenn das nicht sofort, mit einem Schlag passieren muss, dann kann ich mich darauf einlassen.“

Audiobeitrag Vergeben können


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen