Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.01.09, Christiane Birgden

Nicht lieben

Als Anne endlich schwanger war, freuten sich alle: ihr Mann Nils, aber auch ihre Eltern, die Freunde. Nur Anne nicht.

Na, das kommt schon, wenn das Baby erst da ist, sagte sie sich. Das Baby kam, die Freude blieb aus.

Das lies sie sich natürlich nicht anmerken. Zu sehr versuchte sie, eine gute Mutter zu sein. Sie hatte ja extra ein Jahr Elternzeit genommen, um ganz für ihr Kind da zu sein. Dieses erste Jahr, wurde das schlimmste ihres Lebens.

Anne machte alles, was eine Mutter heute so meint tun zu müssen: Stilltreff, Babymassage, PEKiP. Dauernd war sie von seligen Müttern umgeben, das steigerte den Druck noch mehr. Es waren die Nächte, die besonders schlimm waren. Wenn Till nicht einschlafen wollte. Als Till nur noch schrie, sind bei ihr die Sicherungen durchgebrannt. Ich hätte ihn an die Wand klatschen können, sagt sie. Gut, dass sie es nicht getan hat, sondern schnell rausgegangen ist.

Zum Glück fand Anne den Weg in eine evangelische Beratungsstelle. Dort kann sie zum ersten Mal aussprechen, was sie bisher niemandem zu sagen wagte: Dass sie keinen Zugang kriegt zu ihrem Kind. Stattdessen die Aggression gegen ihr Kind immer größer wird. Gemeinsam mit der Beraterin sucht sie nach einem Ausweg und erstmals steht nicht ihr Kind im Mittelpunkt, sondern sie.

Anne wird entlastet: Eine Tagesmutter hilft, damit Anne wieder in ihren Beruf kann. Nils, der Vater, macht mehr mit, kommt pünktlich vom Job zurück

Anne geht es besser, auch mit Till. Heute, sagt Anne, dass der Weg zur Beratungsstelle nicht nur Tills Leben gerettet hat, sondern auch ihr eigenes.

Sprecher: Michael Birgden

Audiobeitrag Nicht lieben


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