Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.01.09, Pfarrer Hans-Dieter Osenberg

Der abhandengekommene Jesus

"Ob ich mir Jesus schon einmal vorgestellt hätte. 'Ja', sage ich, 'er ist barfuß und hat ein endloses Hemd an. Schmale Hände, traurige Augen.

Geht immer ein bisschen vornübergebeugt, als suche er was."

Autor: Die Fantasie des Schriftstellers Wolfdietrich Schnurre in allen Ehren. Aber braucht man denn ein Bild von Jesus? Kann man überhaupt eine menschliche Beziehung zu ihm aufbauen?

Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer. Ich bin Hans Dieter Osenberg und lebe als Pfarrer im Ruhestand in Saarbrücken.

Als Jesus von Nazareth eines Tages in Galiläa als Wander-Rabbi auftritt und Anhänger um sich sammelt, ist er schon ungefähr 30 Jahre alt. Ein bisher "unbeschriebenes Blatt". Heute wäre dann sehr schnell die Boulevard-Presse mit ihren "home-stories" auf dem Markt. Kein Detail aus seinem Vorleben bliebe unbeleuchtet. Aber die Urgemeinde damals scheint die Informationslücke über die 30 Jahre vorher überhaupt nicht gestört zu haben. Erst sehr spät tauchen so genannte "Kindheitslegenden" über Jesus auf. Sie sind in historischer Hinsicht höchst problematisch. Abgesehen von der Geburtsgeschichte im Stall von Bethlehem wurde deshalb nur eine einzige ins Neue Testament aufgenommen. Und auch die findet sich nur bei Lukas. Die anderen Evangelien kennen sie nicht. Es ist die Legende von dem Zwölfjährigen, der seinen Eltern abhanden kam. Nach der Musik mehr davon .

1. MUSIK: Lieder d. Pietismus Nr. 9, V.l ("0 du Herzog...),

Autor: Der zwölfjährige Jesus also. Würde man die Begebenheit in einer knappen Nachricht zusammenfassen, könnte sie so lauten:

Sprecherin: Auf der Pilgerreise zum Passafest in Jerusalem ist den Eltern Mirjam und Josef aus Nazareth ihr zwölfjähriger Junge Jeschua abhanden gekommen. Sie suchten ihn drei Tage lang und fanden ihn schließlich im Tempel. Er führte dort mit Rabbinern einen Lehrdisput über Gottes Gesetz. Die Vorhaltungen seiner besorgten Eltern verstand er nicht.

Autor: Ich habe einmal versucht, mich in die Mutter Mirjam hineinzuversetzen und ihr einen erdachten Monolog in den Mund gelegt. Jeschua, das will ich noch erwähnen, ist der Jesus Name, wie man ihn aramäisch wahrscheinlich ausgesprochen hat.

Sprecherin: Nun ist er wieder bei uns, unser Jeschua, und wir daheim am eigenen Herd. Nach diesen Tagen voller Angst ist eine Last von mir gefallen. Und doch: froh kann ich nicht werden. Mit Josef lässt sich nicht darüber sprechen, er sagt; es ist doch nun vorüber, vergiß, was war, und laß es ruhen, er hilft mir in der Werkstatt wie zuvor, verträgt sich gut mit den Geschwistern. Doch mir vertreibt das nicht den Schmerz, den diese Reise mir bescherte: mein eigener Junge bleibt mir fremd.

Du bist nun zwölf, so sprachen wir zu ihm, "Sohn des Gesetzes" nennt dich unser Glaube, nun darfst du uns begleiten auf das Fest, das große Passa in Jerusalem. Und er erwartete die sieben Tage voller Stolz. Ein wenig bange war uns nur, ob Tausende von Menschen in den Gassen dem Jungen seine Freude nicht verderben könnten.Doch unsere Zweifel waren schnell dahin, als Jeschua im Pilgerzug der Nazarener, dem wir uns angeschlossen hatten, sofort ganz heimisch war und Freunde fand, und auch beliebt bei Alt und Jung. Voll Neugier auf das Treiben in der Zionsstadt durchschritt er mit uns ihre Gassen, und immer wieder war's der Tempel, den er auf unserem Weg nicht meiden wollte.

Die sieben Tage gingen schnell vorüber, und mit den Freunden, den Verwandten, inmitten Nazareths vertrauter Pilgerschar, begaben wir uns heim nach Galiläa. Wir hatten eine Tagesreise schon durchmessen, als Schrecken  mir die Glieder lahmte: Wo ist Jeschua? Wo ist unser Junge? Und Josef, seinen Namen rufend, lief durch den Zug der Pilger hin und her, doch niemand sah ihn, jeder wähnte ihn bei uns. Von Angst getrieben, auch von Schuld gequält, sind wir zum Zion voller Hast zurückgekehrt. Wir eilten durch die Gassen, besuchten Plätze, die er liebte und fragten Herbergsväter, ob sie ihn gesehen. Doch alles war vergeblich. Jeschua, mein Kind, blieb mir verloren.

Am dritten Tage bat ich Josef, dass wir vor Gott im Tempel klagten und vor ihn brachten unser Leid. Doch wie zersprang mein Herz vor Freude, als ich den Jungen dort erblickte, mit Lehrern des Gesetzes disputierend, als wär er ihresgleichen. Sie hörten ihm, dem Jungen, wie einem alten Rabbi zu. Sie stellten ihre Fragen, und er, als hätte er die Weisheit des Gesetzes schon viele Jahre hin und her gewogen, gab Antworten, die sie verwunderten.

Wir stürzten auf ihn zu und konnten uns bei aller Freude der Strenge nicht enthalten: Du hast uns großes Leid bereitet! Wir haben uns drei Tage lang um dich geängstet, Jeschua! Wie konntest du der Eltern Sorge so missachten? Doch er, gelassen und erstaunt, was gab er uns zurück? Ihr suchtet mich? Wie konnte das geschehen? Wo sollte ich denn anders sein, als in dem Hause meines Vaters? Das hättet ihr, bei Gott, doch wissen können!

Er kam mit uns nach Nazareth zurück, sofort und ohne sich zu sträuben. Doch hat mein Herz seit dieser Reise eine Wunde. Obwohl er doch mein Kind ist, erstgeboren, kann ich, die Mutter, ihn im letzten Grunde in seinem Tun und Reden nicht verstehen.

2. MUSIK: Lieder d.Pietismus Nr.6,V.l ("Wie lange...")

Autor: Im Grunde, verehrte Hörerinnen und Hörer, habe ich mit diesem Monolog die Rolle heutiger Medien übernommen, die bei so einer Verlustanzeige die nackte Meldung mit etwas Atmosphäre anreichern. Die Mutter bekommt Gelegenheit, ihre Ängste und Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Aber Sie werden es empfunden haben: Jesus selbst kommt uns auch damit kein bißchen näher. Dieser Zwölfjährige als gelehrter Musterknabe im Tempel, der zwar gehorsam mit den Eltern wieder nach Hause geht, aber die Sorgen seiner Mutter nicht versteht? Das kann mich kaum mit Jesus verbinden. Obwohl Kinder-Anekdoten sonst ja immer sehr berührend sind. Eher schon fühle ich mich der Mutter Mirjam verbunden. Sie hat ihn geboren, aber sie begreift diesen Jungen nicht. Es ist offenbar kein Kind wie alle anderen. Sie will gewiß, daß er fromm im Glauben heranwächst. Aber muss er darum altklug mit den Rabbinern disputieren, während die Eltern Todesängste ausstehen? Mirjams wundes Herz rührt uns eher, als Jesu frühe Weisheit.

Die Kindheitslegenden Jesu, liebe Hörerinnen und Hörer, wollen die Bedeutung Jesu als Messias Gottes schon am Kind demonstrieren. Der Zwölfjährige wird als Wunder frommer Gelehrsamkeit vorgestellt, der die erfahrenen Schriftgelehrten in  Staunen versetzt, Einerseits ein jüdisches Kind wie alle anderen. Andererseits aber eben nicht, weil Gottes Hand von Anfang an auf ihm liegt, denn es soll der Welt das Heil bringen. Und diese Spannung kann natürlich die Allernächsten nur ratlos zurücklassen.

Nicht nur Mirjam und Josef. Auch uns. Uns - über den zweitausendjährigen Abstand hinweg - erst recht.

Diese Kindheitslegende über den abhanden gekommenen Jesusjungen kann deutlich machen: Keine Einbildungskraft ist stark genug, um eine persönliche Beziehung zu Jesus, dem Gottessohn aufzubauen. Über seine Heilungsgeschichten, seine Bergpredigt, die Berichte von seiner Passion hinaus, brauchen wir kein "Profil", wie man heute sagen würde, um zu Jesus von Nazareth Zugang zu gewinnen. Alle zum Teil anrührenden Versuche, ein emotionales Verhältnis zu ihm zu finden - eindrucksvoll übrigens auch in den frühpietistischen Liedern, die unsere Sendung begleiten - müssen scheitern. Man kann Jesus nicht lieben wie einen anderen Menschen.

Auch bedeutende Jesusfilme wie die von Pasolini oder Zefirelli haben daran nichts geändert. Kein bewegtes Bild, keine Inszenierung hilft, die Zeit zwischen ihm und uns zu überbrücken. Man könnte zwar fragen, ob die impulsive Jesus-Frömmigkeit der Schwarzen in Afrika oder USA nicht dagegen spricht. Aber dahinter steht jahrhundertelange rassische Unterdrückung, die sich in dieser Jesusliebe ein Ventil, eine Fluchtburg geschaffen hat. Wir hierzulande mögen wohl ihre Gospelgesänge, aber die Frömmigkeit darin bleibt uns fremd.

Als wenn Jesus dieses Dilemma vorhergesehen hätte: Er hat deshalb vor seinem Tod für die Zeit danach seine Anwesenheit allein im Geist versprochen, im Geist seines Wortes, das lehrt und erinnert.

Jesus lieben - das heißt ausschließlich: sein Wort halten. Es hören, es im Leben umsetzen und andere daran erinnern. Das mag einige betrüben, weil ihr Glaube die innige Beziehung braucht. Viele andere entlastet es aber auch. Diejenigen, die sich vielleicht schon Vorwürfe machten, weil sie eine persönliche Jesusliebe nicht entwickeln konnten. Keine Einbildungen seiner Gestalt, Kein Zwang, in ihm ein Vorbild zu suchen, auch nicht als frommes, gehorsames Kind.

In seinem Wort aber geht Jesus heute mit jedem Menschen - so wie er als Zwölfjähriger mit seinen Eltern von Jerusalem nach Hause ging.

Noch einmal die Berliner Lauten-Compagney mit einem pietistischen Lied aus dem 18.Jahrhundert - und damit verabschiedet sich Hans Dieter Osenberg aus Saarbrücken .

3. MUSIK: Lieder d.Pietismus Nr. 3,V.l m.instr.Nachspiel,

Musiknachweis:  CD "Christe wahres Seelen-Licht. Lieder des Pietismus" mit der Lauten-Compagney Berlin, ohne Prod.Nr., Franckesche Stiftungen Halle, Franckeplatz l, 06110 Halle

Audiobeitrag Der abhandengekommene Jesus


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