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Nehmt Abschied Brüder
Das Leben kennt viele Melodien. Mal in Dur, mal in Moll. Schnelle und langsame. Ganz wenige Stücke vereinen mehrere Stimmungen in sich.
Und das sind vielleicht die besten. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Joachim Gerhardt. Ich bin Pfarrer in Bonn. Begleiten Sie mich mit einem Lied, das viele Menschen tief berührt. Auld lang Syne, zu Deutsch Längst vergangene Zeit, eine wunderbare schottische Weise aus dem 17. Jahrhundert.
Musik: Claymore: Highlander LC 6369 Track 13 Auld lang Syne (I) Autor: Für viele die Silvesterhymne. Im englischsprachigen Raum wird sie fast überall zum Jahreswechsel angestimmt. Das Lied verabschiedet das alte Jahr und begrüßt das neue. Es erzählt vom Wert vergangener Freundschaft und gemeinsamer Erlebnisse. Und es erinnert an all die Lieben, die im ausgehenden Jahr verstorben sind. Die Botschaft lautet: Die Toten gehören zum vergehenden Jahr und bleiben doch lebendig, und zwar in den Erinnerungen. Da, wo wir an die Verstorbenen denken, da bleiben sie in unserer Mitte. Wie ich finde, ein überzeugender Weg mit Tod und Trauer umzugehen und ein durchaus christlicher. Also eher kein lautes Partylied zu Sylvesterkrachern, sondern ein nachdenkliches Stück, ein sehr persönliches.
Musik: Claymore: Highlander LC 6369 Track 13 Auld lang Syne (II)
Autor: Ich habe dieses Lied an einem ganz anderen Ort und zu ganz anderer Jahreszeit kennen gelernt und lieben gelernt: evangelischen Jugend, Sommerfreizeit in Schweden, in Norwegen, in Südtirol. Wir haben das Lied immer zum Abschluss gesungen. Am letzten Abend hockten wir zusammen am Lagerfeuer, warfen den Blick in die Flammen, voll von Eindrücke und Erlebnisse der letzten zwei Wochen und stimmten es an. Den Text haben katholische Pfadfinder vor vielen Jahrzehnten ins Deutsche übertragen:
Sprecherin: Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss / ist alle Wiederkehr / die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer. / Der Himmel wölbt sich übers Land / Ade, auf Wiedersehen! / Wir ruhen all in Gottes Hand, / leb wohl, auf Wiedersehen.
Autor: Schlicht und ergreifend. Wehmütig und sehnsüchtig zugleich. Abschied nehmen tut weh. Das was war, kommt so nicht wieder. Wer weiß schon von uns, was morgen sein wird. Doch mit Gottvertrauen und da setzt der deutsche Text einen neuen Akzent mit Gottvertrauen verlieren wir uns nicht aus den Augen.
Gut, das Lied mag auf seine Weise auch kitschig sein. Ich glaube aber, unser Glauben braucht solche Lieder für die Seele. Lieder mit getragenen Melodien. Also Melodien, die einen wirklich tragen, und einen damit spüren lassen, wie es sein könnte, wenn Gottes Hand uns trägt. Unsere Seele braucht solche Lieder. Auch mit solchen Versen, die nicht gleich wieder hinterfragt werden. Sätze, die jeder mitsprechen und nachsprechen kann. Worte, die jeder versteht, wo sich für jeden eigene Bilder und Erinnerungen auftun. Sprecherin: So ist in jedem Anbeginn / das Ende nicht mehr weit. / Wir kommen her und gehen hin / und mit uns geht die Zeit. / Nehmt Abschied Brüder, / schließt den Kreis, das Leben ist ein Spiel. / Nur wer es recht zu leben weiß, / gelangt an große Ziel.
Autor: Wer hinterfragen will, der kann das gerade an dieser Stelle tun. Das Leben ist ein Spiel. Das klingt nach Glücksspiel: Es ist eben doch nur alles Zufall. Egal, was man tut, irgendwie es alles gleichgültig, egal. Nur wer es recht zu leben weiß, gelangt ans große Ziel. Das klingt nach Leistungsgesellschaft: Wenn du gewinnen willst, musst du das Leben nur selbst richtig spielen.
Ich höre anderes: Das Leben ist ein Spiel Glück lässt sich nicht festhalten. Und Glück heißt für mich noch lange nicht Zufall. Da, wo ich Glück habe im Leben, ist es für mich ein Geschenk. Es gibt so vieles im Leben, das ich nicht beeinflussen, nicht bewirken kann: die Liebe, die mir ein Mensch schenkt; da, wo man mir verzeiht; da, wo ich Trost finde. All das kann man sich nicht selber basteln. Wo Menschen das versuchen, scheitern sie. Aber da, wo ein Mensch hört: Ich liebe dich oder Ich vertraue dir oder Ich vergebe dir, da erfährt er ganz großes Glück. Wer das verstanden hat, der weiß sein Leben recht zu leben. Und ich persönlich empfinde dieses Glück immer häufiger auch als ein Geschenk Gottes.
Das Leben ist ein Spiel. Es gibt einige deutsche Versionen, die bewusst singen: Das Leben ist kein Spiel. Ich halte lieber an dem Spiel fest. Bedeutet es doch: Nimm das Leben nicht so verbissen ernst. Gerade, weil du weißt, wie vieles u im Leben du nicht bestimmen kannst. Nimm das Leben spielerisch. Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss. Natürlich sollte man auch Schwestern singen. Das Lied ist ungezählte Mal gecovert worden. Es gibt eine Punkrock-Fassung der Toten Hosen. Mit treibendem Rhythmus und schnörkellosem Beat. Da ist zu spüren: Das Leben geht voran und versinkt nicht in eigener Rührseligkeit.
Meine aktuelle Lieblingsversion ist eine Interpretation von Dieter Falk mit der Band Rapsoul:
Musik: CD Dieter Falk Volkslieder LC 13743 Track 8 Nehmt Abschied Brüder (Feat. Rapsoul) (I)
Autor: Die Tage zwischen den Jahren machen nachdenklich: Was ist dieses Jahr geschehen? Was ist geglückt? Was habe ich mir an Unrat in die eigene Scheune gefahren?
Der Nehmt-Abschiedbrüder-Soul-Rap klingt sehr direkt. Er holt den Himmel, der sich da irgendwo übers Land wölbt, auf die Erde zurück. Nehmt Abschied Brüder ist eben gerade kein betuliches Volkslied. Es ist ein existentielles Stück: vom Abschiednehmen, von der Hoffnung auf eine gute Zukunft und am Ende auch ein Stück vom Gottvertrauen und das alles hier im Alltag. Ein Lied eben nicht nur für zwei Minuten am Jahreswechsel, nicht nur für heute am Sonntagmorgen, sondern am Montagmorgen auf der Arbeit genauso wie am Werktagsabend am Bett meiner Kinder.
Musik: CD Dieter Falk Volkslieder LC 13743 Track 8 Nehmt Abschied Brüder (Feat. Rapsoul) (II)
Autor: Von Jesus ist kein Abschiedslied überliefert. Hat Jesus überhaupt selbst gesungen? Wir wissen es nicht. Aber im Evangelium von Johannes ist eine große Abschiedsrede von ihm festgehalten. Jesus hat sie seinen Jüngern vor seinen letzten Tagen in Jerusalem mit auf den Lebensweg gegeben:
Sprecher: Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin (Joh 14,3). Denn ich lebe und ihr sollt auch leben. (Joh 14,19b)
Autor: An den Übergängen des Lebens steht Gottes großes Zusage: Du bleibst nicht allein. Diese Zusage hat uns damals schon an den Lagerfeuern Schwedens zusammengeschweißt und den Abschied erträglich gemacht. Nehmt Abschied Brüder, schließt den Kreis. Du bleibst nicht allein. Du bleibst nie allein. Gott ist mit dir. Jesus weiß, dass seine Anhänger viele Zweifel spüren werden, auch Anfeindungen erfahren müssen. Darum schärft Jesus seinen Jüngern ein und allen Menschen, die ihm nachfolgen wollen:
Sprecher: Und auch ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen. (Joh 16,20) In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Joh 16,33)
Autor: Ich bin jetzt Anfang 40 und glaube mit den Jahren immer mehr: Den Sinn des Lebens, die Tiefe des Lebens begreifen wir erst, wenn wir uns den eigenen Untiefen des Lebens stellen. Das Leben läuft nicht geradeaus. Wer seinen Lebensweg im Rückspiegel nur verklärt oder nach vorne immer nur Tempo macht und ohne Widerstände durchrasen will, der betoniert sich die eigene, vielfältige Landschaft des Lebens zu.
Sicher: Jeder kennt Kurven, die er lieber ausgespart hätte. Manche Beule, manche Narbe bleibt zurück. Doch am Ende gehen wir alle an Gottes Hand. Wir ruhen sogar in Gottes Hand, heißt es im Lied. Ruhen aus in Gottes Hand.
Gottes Hand das ist ein Bild für den Glauben. Ich habe mir diese Hand immer schon sehr konkret, sehr plastisch vorgestellt, wie einen Menschenhand, in die man sich bergen kann, allerdings viel größer als wir Menschen das ermessen können. Gottes Hand bleibt natürlich eine unsichtbare Hand. Doch wir können spüren wie sie uns hält, wenn vieles andere uns nicht mehr festhält oder trägt. Hat Jesus gesungen? Ich glaube, ja. Und ich kann mir gut vorstellen, er hätte auch dieses Lied singen können: Nehmt Abschied Brüder ungewiss. Das Lied kann ein Soundtrack werden für den eigenen Lebensweg, mit all sein Ecken und Kanten, seinen Vorder- und Rückseiten. Ein Soundtrack, der Mut macht, das Leben anzunehmen. Das Lied, Jesus lädt uns ein: Genießt das Leben. Und am besten: mit anderen zusammen. Wie schön klingt dieses Lied erst, wenn man es gemeinsam singt:
CD Christmas with the Rat Pack (Frank Sinatra/Dean Martin/Sammy Davies jr.) Track 21 Auld lang syne LC 0148
Autor: Frank Sinatra und Dean Martin waren das. Sie haben den Song als Zugabe auf ihren Konzerten gesungen. Künstler spielen ihre Zugabe freier, lockerer als ihr Repertoire. So kann das Lied daran erinnern, jeden Tag, den wir in Gottes Namen leben dürfen, als Zugabe zu begreifen. Die ersten Christen vor 2000 Jahren haben das getan in der Erwartung, dass Christus täglich wiederkommen kann. Sie haben gesagt: Das Leben ist eine Zugabe. Also nichts Selbstverständliches. Ich empfange mein Leben aus Gottes Hand und dort bleibt es auch bewahrt. Jeden Tag neu. Jeder neue Tag ist eine Zugabe im Leben. Wir sollten das heute auch so empfinden. Christen können in diesem Sinne wahre Lebenskünstler sein.
Nehmt Abschied Brüder ungewiss ist zu einem Volkslied geworden über alle Grenzen hinweg. In den Niederlanden wird es von den Fans vor Fußballspielen intoniert. Auch in den USA ist es eine Sporthymne und heißt The good old song. Es gibt Fassungen auf Französisch, Italienisch und Spanisch. Ich weiß von Heimatvertriebenen, denen dieses Lied zu einer Art Nationalhymne geworden ist. Überall auf der Welt stimmen Menschen diesen Song an. Vielleicht auch, weil es einfacher ist von Hoffnung, von Trauer und von Gottvertrauen zu singen als zu sprechen.
Leben braucht Gemeinschaft. Wer dieses Lied singt oder hört, auf dem Sofa zuhause oder im Auto, der kann sich sicher sein, dass gerade jetzt irgendwer irgendwo auf der Welt am Klavier sitzt, die Gitarre in die Hand nimmt oder das Saxophon und es anspielt
Musik: CD Kenny G Faith LC 03484 Track 11 Auld lang syne Autor: Ich wünsche Ihnen, dass Sie in diesen Tagen etwas spüren von Gottes Hand, die Sie schützt und hält, trägt und zu Not auch auffängt. Wenn Sie unsicher sind, stimmen Sie dieses Lied an, summen Sie es zumindest ein wenig. Und üben Sie am besten heute schon mal für Silvester und für jeden weiteren Tag, der in Ihrem Leben dazu passt. Wir ruhen alle in Gottes Hand, lebt wohl auf Wiedersehen, sagt Ihnen Ihr Joachim Gerhardt von der Evangelischen Kirche aus Bonn.
Musik: CD Kenny G Faith LC 03484 Track 11 Auld lang syne
Nehmt Abschied Brüder
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