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Der kleine Tod
Autor: Er liebt eine Schaufensterpuppe. Irgendwann hat er sie in einem Laden entdeckt. Sie ist genau das, was er sich von einer Partnerin immer gewünscht hat:
formbar, verfügbar, stumm. Dreimal ist er schon geschieden. Er ist kein einfacher Mann, sagt er von sich selbst. Einer, der im Beruf alles erreicht hat. Der geschäftlich so viel reden muss, dass er wenigstens zu Hause seine Ruhe haben will.
Sprecher: Ich habe keine Zeit für die Psychoanalyse, für die Ich suche in wahnsinnigen Beziehungskisten. Ich bevorzuge schweigsame Frauen. Den ganzen Tag über umgeben mich Stimmen, am Telefon, beim Lunch, bei Geschäftsbesprechungen. (S. 105)
Autor: Drei Jahre lebt er schon allein. Hat sich daran gewöhnt, kein beständiges Gegenüber zu haben. Niemanden, der ihm auch mal widerspricht. Doch nun hat er sich verliebt, zufällig, auf der Straße. In eine Schaufensterpuppe.
Sprecher: Ich mache mir nichts aus posierenden Frauen. Aber sie stach mir ins Auge. Ich musste stehen bleiben und sie anschauen. Der rechte Fuß war kess vorgestellt, den linken zog sie mit einstudierter Lässigkeit nach. Den Kopf in den Nacken geworfen, ein dünnes Lächeln, vor Langeweile oder Vergnügen halb geschlossene Augen. (S. 102)
Autor: Es beginnt eine bizarre Liebesgeschichte. Er gibt ihr den Namen Helen. Kauft sie dem Laden ab. Holt sie in sein Haus, um mit ihr zu leben.
Sprecher: Ich empfand jetzt erhabene Heiterkeit, ein steter innerer Glanz erleuchtete mich. Ich hatte jetzt meine Helen. Sie lag schlafend in meinem Bett, in meinem Haus. Sie machte sich aus keinem anderen etwas. Sie war mein. (S. 112)
Autor: Er spricht mit ihr, lebt mit ihr, liebt sie und glaubt sich geliebt. Er zeigt ihr die zahlreichen Kunstwerke in seinem Haus und genießt es, sie mit luxuriöser Kleidung zu beschenken. Sie ist für ihn das perfekte Gegenüber, weil sie ihm keinen Widerstand leistet.
Sprecher: Mit Helen konnte ich mich ideal unterhalten, ich konnte ihr erzählen. Sie saß ganz still, den Blick auf einen Punkt mehrere Zentimeter vor ihrem Teller geheftet und hörte zu. Ich erzählte ihr viele Dinge, die ich vorher nie laut ausgesprochen hatte. (S. 120)
Autor: Vor dreißig Jahren hat der Engländer Ian McEwan die Geschichte dieser ungleichen Liebe beschrieben. Der kleine Tod heißt sie. Was auf den ersten Blick so bizarr wirkt, ist vielleicht gar nicht so ungewöhnlich: Die Sehnsucht nach einem formbaren Gegenüber. Einem Partner, der nicht widerspricht. Der nicht eigensinnig auf eigene Interessen beharrt. In dem man all die Gefühle und Sehnsüchte entdecken kann, die man sich wünscht. Aber die Sache ist gefährlicher, als man denkt. Denn der Widerspruch hat ja auch etwa Heilsames. Daran erinnert auch das Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen. Anders gesagt: Du sollst dein Gegenüber nicht einschrumpfen auf das Bild, das du dir von ihm machst. Denn der Andere ist immer viel mehr, als du dir vorstellen kannst. Das Gebot sagt das von Gott. Aber das Gleiche gilt auch für den Umgang mit Menschen.
Auch unser Mann ist schließlich daran gescheitert, dass Helen nur aus seinen Phantasien bestand. Denn mit der Zeit schlug die Liebe um in Eifersucht. Und niemand konnte ihm ausreden, dass er sich auch die bloß eingeredet hatte. In seinem Wahn zerstört er die Puppe. Und mit ihr die zahlreichen Bildnisse der Kunst in seinem Haus. Ein Akt der Befreiung.
Ian McEwan, Der kleine Tod, in: ders., Zwischen den Laken, Zürich 82008, S. 102-133.
Der kleine Tod
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