Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.12.08, Pfarrer Sven Keppler

Saure Trauben

Morgen, um Mitternacht, werden wieder die Sektkorken knallen. Die Gläser werden bereit stehen, wie jedes Jahr. Der perlende Traubensaft wird in die Kelche gegossen.

Und wenn dann der Schaum in sich zusammengefallen ist, werden die Gläser – ja, was werden sie dann eigentlich sein? Halb voll oder halb leer?

An dieser Jahreswende ist die Stimmung so unklar wie lange nicht mehr. Auch die Experten des öffentlichen Lebens sind verunsichert: Wird das nächste Jahr eine Krise bringen, die bedrohliche Ausmaße haben wird? Oder stehen wir vor einem Neuanfang, der die weltweiten politischen Fehler der vergangenen Jahrzehnte berichtigen wird?

Ein Gefühl scheint jedoch die Zuversichtlichen mit den Schwarzsehern zu verbinden: Wir stehen vor einem tiefen Einschnitt. Vielleicht sogar vor einer Epochenwende. Wie zuletzt in den 80er Jahren, als Ronald Reagan und Margret Thatcher den Kapitalismus förderten. Als Michail Gorbatschow die Sowjetunion reformierte. Und als der Kalte Krieg und die deutsche Teilung ein glückliches Ende fanden.

Beim Kaltstellen der Sektflaschen fällt mir ein jüdisches Sprichwort ein. Der Prophet Ezechiel hat es überliefert: Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden. Mit anderen Worten: Die Eltern haben das Leben genossen und die Kinder müssen die Zeche zahlen.

Im Rückblick auf die letzten dreißig Jahre scheint dieser Satz zuzutreffen. Es hat ja viel Gutes gegeben. Aber jetzt sind uns die Zähne davon stumpf geworden.

Die Entfesselung der Märkte hat an vielen Orten den Wohlstand wachsen lassen. Doch heute sind die Träume wie Blasen zerplatzt. Die sozialen Sicherungssysteme sind vielerorts beschädigt und die Klimabelastung ist stärker denn je.

Das Sprichwort scheint unwiderlegbar: Die Eltern haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden. Auch die Rezepte, die nun wieder Konjunktur gewinnen, sind davon nicht ausgenommen.

Um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, sollen gigantische Schulden gemacht werden. Die nächste Generation wird sie bezahlen müssen. Und die ersten Traubenväter fangen an, die Klimaziele auf die lange Bank zu schieben: Saubere Autos könnten wir uns im Moment doch gar nicht leisten.

Das Glas ist anscheinend mindestens halb leer. Sollte ich also dieses Silvester besser auf den Sekt verzichten? Vielleicht kann ich meiner kleinen Tochter ja dadurch die stumpfen Zähne ersparen?

Die Experten raten jedoch zum Gegenteil. In der Krise geht es vor allem um Psychologie. Ich soll zuversichtlich sein. Wahrscheinlich am besten eine Magnumflasche Champagner kaufen. Und diesmal halbtrocken – vielleicht schadet das den Zähnen ja weniger.

Aber woher soll ich die nötige Zuversicht nehmen? Bei Ezechiel gibt es eine Fortsetzung des geflügelten Wortes von den Trauben: Gott spricht, dieses Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen. Darum kehrt um, so werdet ihr leben.

Gott ermutigt uns zu einem echten, verantwortlichen Neuanfang. Denn die Mutlosen haben schon stumpfe Zähne, bevor sie die erste Traube genossen haben. Also doch: Auf ein Neues!

Audiobeitrag Saure Trauben


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