Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.01.09, Pfarrerin Barbara Schwahn

Neu anfangen, geht das?

Jetzt ist das Jahr gerade mal zwei Tage alt. Es hat eben angefangen. Wer mit guten Vorsätzen in das Jahr gestartet ist, der verbindet mit ihm auch einen Neuanfang.

Etwas, was im neuen Jahr anders werden soll. Aber schafft man das überhaupt, neu anzufangen, einfach so? Wetten, bei allem guten Willen zu einem harmonischen Miteinander haben manche den ersten Streit in der Familie schon wieder hinter sich und es ging, wie immer, um dieselben Kleinigkeiten. Sie wollten sich mehr Ruhe und Muse gönnen? Die Dinge langsam angehen? Und Sie merken, Sie werden schon wieder nervös, wenn Sie an Montag denken?

Gibt es überhaupt Neuanfänge, wenn man schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Bei dem, was wir schon so alles mit uns herumschleppen. Was wir so ansammeln und in uns aufnehmen von Kindheit an, oder in einem langen Berufsleben. An Erfahrungen, an Erfolgen, auch an Bauchlandungen und Verletzungen. Bei allem, was so eingefahren ist im Privaten, in einer Beziehung. Oder in einer Firma, einer Gruppe, einem Verein, einer Gemeinde? Wir sind geprägt von all dem, sind über Jahre hinweg zu dem Menschen geworden, der wir heute sind. Kann man da einfach sagen: So, ab heute wird alles anders? Nein, meinte letztens jemand. Irgendwie sind wir wie Hamster in einem Laufrad. Alles dreht sich immer weiter.

Das neue Jahr ist schon wieder größtenteils verplant, weil ja alles wieder stattfinden soll, was es immer schon gab. Wir wissen ja, was man von uns erwartet und was nicht. Wie soll man da auch mal einen Schnitt machen und sagen: Halt, ab jetzt mache ich das ganz anders. Da soll mein Schwerpunkt ganz woanders sein. Da bündele ich meine Kräfte, manches wird es nicht mehr geben und ich konzentriere mich mal auf eine Sache? Und mancher denkt sich irgendwann resigniert: Jetzt lohnt sich etwas Neues auch nicht mehr, jetzt bin ich zu alt dafür.

Sprecher: Abraham aber war 75 Jahre alt, als er aus seiner Heimat zog. Er nahm Sarai, seine Frau, und Lot, seines Bruders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie gewonnen hatten, und die Leute, die sie erworben hatten und zogen aus, um ins Land Kanaan zu reisen.

Tja, der alte Abraham hat einen Neuanfang gewagt. Mit 75. Und das war ein Neuanfang, auch wenn er seine Familie und das meiste von seinem Besitz mitgenommen hat. Auch er konnte das Rad nicht ganz zurückdrehen. Auch er war kein unbeschriebenes Blatt mehr. Im Gegenteil, er war ein alter Mann. Er hatte auch keine jüngere Frau, mit der er in einem zweiten Frühling jetzt berechtigte Hoffnung auf einen Erben gehabt hätte. Nein, er hatte nach wie vor seine Sarah, die auch schon in die Jahre gekommen war.  Und mit der er schon so viele Jahre vergeblich auf ein Kind gewartet hatte und enttäuscht worden war. 

An den Umständen hat sich kaum etwas verändert. Aber an seiner Blickrichtung. Nicht das, was immer schon war, war der Maßstab seines Handelns. Er richtete seinen Blick nach vorne. War offen für Neues. Das konnte er, weil er darauf vertraut hat: Der Weg, den ich einschlage, ist der Weg, den mich Gott führt. Und Gott hat meine Zukunft im Blick. Und vielleicht komme ich meiner Vorstellung vom Leben näher, wenn ich diesen Weg gehe.

Ich habe Menschen vor Augen, die im vergangenen Jahr Neuanfänge gewagt haben. Und zwar richtig große. Die Seniorin, die aus freien Stücken ihre große Wohnung verlassen hat und in das Betreute Wohnen gezogen ist. Den Bekannten, der nach vielen Stellenwechseln in der Wirtschaft als Quereinsteiger in einer Schule unterrichtet. Das junge Paar, das sich für ein Kind entschieden hat. Diese Neuanfänge waren alles andere als einfach. Alle mussten sich umstellen, die Wechsel waren mit Arbeit verbunden und kosteten unendlich viel Energie.

Aber sie alle sagen: Es lohnt sich aufzubrechen, loszugehen, Neuland zu betreten. Die Zukunft steht uns offen. Auch 2009.

Audiobeitrag Neu anfangen, geht das?


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