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"Nun lasst uns gehen und treten" (eg 058)
Nun lasst uns gehn und treten mit Singen und mit Beten zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben.
Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern, wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen.
Autorin: Kein Jahreswechsel ohne dieses Lied. Es gehört zum Gottesdienst am Altjahrsabend wie das Feuerwerk und der Sekt zu der Silvesterparty. Dabei ist es weder sehr feierlich, noch besonders stimmungsvoll. Gedeckt, verhalten klingt es. Dafür sorgt der 3/2-Takt. Die halben Noten bringen die Melodie immer wieder zum Anhalten. Fünfzehn kurze, ganz schlicht gehaltene Strophen hat der Choral.. In ihnen beschreibt der berühmte Kirchenliederdichter Paul Gerhardt, was ihn beim Übergang zum neuen Jahr bewegt.
Das Leben geht weiter. Unser Leben geht weiter. Wie auch die Jahre immer weiter gehen. Gott sorgt dafür, dass wir auch die Kraft dafür haben.
Dieser Gedanke hat nicht nur Paul Gerhardt in schrecklichen Zeiten, sondern viele Menschen seither getröstet und ermutigt. Choral: durch soviel Angst und Plagen, durch Zittern und durch Zagen, durch Krieg und große Schrecken, die alle Welt bedecken.
Autorin: Paul Gerhardt hat dieses Lied wie die meisten seiner anderen Lieder um 1648 geschrieben. Gegen Ende des Dreissigjährigen Krieges. Aber nur in dieser und einer weiteren Strophe erwähnt er den Krieg und die großen Schrecken. Nur ahnen lässt er uns, was er und seine Zeitgenossen hinter sich hatten. Ganz Deutschland war verwüstet. Zweidrittel der Bevölkerung waren dem Krieg zum Opfer gefallen. Seine ganze Jugend, seine Schulzeit und das Theologiestudium in Wittenberg fielen in die Zeit des Kriegs. Er erlebte, wie die Pest in Wittenberg wütete und wie sein Geburtsort Gräfenhainichen von den Schweden geplündert wurde. Überhaupt war seine Heimat Brandenburg mit am meisten gebeutelt von den Kriegswirren. Dazu verlor er schon mit 12 Jahren seinen Vater und mit 14 Jahren seine Mutter. Dreissig Jahre lang hatte er mit seinen Landsleuten gebangt ums Überleben. Dreissig Jahre lang hatten sie ständig Angst vor Plünderungen, vor sinnlosem Morden, vor Krankheiten. Dreissig Jahre lang wussten sie nicht, ob es für sie ein neues Jahr geben wird.
Unvorstellbar für meine Generation und alle Jüngeren in unserem Land, die nur den Frieden kennen. Aber wer den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit miterlebt hat, werAngehörige verloren hat und sich heute noch bei jedem Feuerwerk wieder an die Fliegerangriffe von damals erinnert, der wird wie Paul Gerhardt dankbar sein, dass es bisher immer weiter gegangen ist. Trotz der Kriege und Schrecken, die auch im letzten Jahr die Welt bedeckten. Wenn auch die meisten nur durch die Medien zu uns gelangt sind.
Choral: Ach Hüter unsres Lebens, fürwahr, es ist vergebens mit unserm Tun und Machen, wo nicht dein Augen wachen. Gelobt sei deine Treue, die alle Morgen neue; Lob sei den starken Händen, die alles Herzleid wenden.
Autorin: Fast schon übermenschlich erscheint es mir, wie Paul Gerhardt so gar nicht klagt. Er fragt nicht: Warum, Gott, musste das alles geschehen? Warum sind so viele umgekommen, warum hat mir der Krieg die besten Jahre meines Lebens geraubt? Das alles überlässt er ganz und gar seinem Gott. Stattdessen lobt er ihn, der ihn und viele andere in all diesen Jahren bewahrt hat. Er hat überlebt. Und mehr noch: In seiner persönlichen Not hat er sich bei Gott geborgen gefühlt. Ja, er hat auch erfahren: Gott schafft es, dass ich aus meinen Notlagen herausfinde.
So ausgeliefert, wie er der Situation damals war, so machtlos, wie er sich fühlte, wurde ihm klar: Es lag bestimmt nicht an mir, dass ich davongekommen bin. Es liegt allein in Gottes Händen, wie das Leben eines Menschen verläuft. Gott hat einen Plan mit jedem von uns. Daran kann kein Mensch rütteln.
Sprecherin: Gib mir und allen denen, die sich von Herzen sehnen nach dir und deiner Hulde, ein Herz, das sich gedulde.
Autorin: Paul Gerhardt spricht von sich, tut es aber auch stellvertretend für andere. Ursprünglich hat er das Lied als persönliches Andachtslied geschrieben. Um es zuhause zu singen. Dabei hat er seine persönlichen Empfindungen und seine Frömmigkeit einfließen lassen. Das war in einem Kirchenlied für den Gottesdienst bis dahin unmöglich. Erst durch den Einfluss einer neuen religiösen Bewegung, dem Pietismus, für den der persönliche Glaube des Einzelnen wichtiger war, als die kirchliche Lehre, kam dieses und auch seine anderen Lieder in das offizielle Kirchengesangbuch. 1653 stand es wohl zum ersten Mal in Johann Krügers Praxis Pietatis melica, übersetzt: Übung der Gottseligkeit in Christlichen und Trostreichen Gesängen. Und trostreich waren sie wirklich, seine Lieder.
Sprecherin: Sei der Verlassnen Vater, der Irrenden Berater, der Unversorgten Gabe, der Armen Gut und Habe. Hilf gnädig allen Kranken, gib fröhliche Gedanken den hochbetrübten Seelen, die sich mit Schwermut quälen. Und endlich, was das meiste, füll uns mit deinem Geiste, der uns hier herrlich ziere und dort zum Himmel führe.
Autorin: Für die damalige Zeit war es eher untypisch, die Nöte Einzelner so aufzuzählen. Wie ein Fürbittengebet in unseren Gottesdiensten heute höre ich diese Zeilen. Ich könnte sie so direkt mitsprechen. Gerade dadurch hat dieses Lied immer wieder Menschen in Krisenzeiten, denen der Tod vor Augen stand, Trost gespendet.
Von Hildegard Schaeder, wegen ihres Einsatzes für Juden im Dritten Reich verfolgt und 1944 im FrauenKZ Ravensbrück inhaftiert, ist in der Gedenkstätte ein Zettel erhalten geblieben, auf den sie zur Jahreswende 1944/45 aus dem Gedächtnis Paul Gerhardts Lied aufgeschrieben hat.
Und Jochen Klepper, der Verfasser des bekannten Gesangbuchlieds: Die Nacht ist vorgedrungen, der von den Nationalsozialisten verfolgt wurde wegen seiner jüdischen Frau, schrieb 1942, zu Beginn seines letzten Lebensjahres, bevor er mit seiner Familie in den Freitod ging in sein Tagebuch:
Sprecher: Das Herz erzittert vor dem neuen Jahr, als habe man eine Weite des Grauens betreten, sei in sie hineingewiesen. Welches Gewicht haben an diesem Neujahrsmorgen die einzelnen Strophen des Liedes: Nun lasst uns gehen und treten gehabt.
Choral: Nun lasst uns gehn und treten mit Singen und mit Beten zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben. Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern, wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen.
Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin Barbara Schwahn aus Düsseldorf über den Choral Nun lasst uns gehn und treten- Evangelisches Gesangbuch Nummer 58. Es sang die Jugendkantorei der ev. Kantorei Sennestadt unter der Leitung von Eberhard Brünger.
"Nun lasst uns gehen und treten" (eg 058)
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