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Johannes - Prophet und Querulant im christliche-islamischen Gespräch
Bibel: Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig.(Matth 3, 4)
Autor: Heuschrecken und wilder Honig und nicht Spekulatius und Spritzgebäck?! Nach drittem Advent hört sich das nicht an. Johannes der Täufer er gehört aber schon seit alter Zeit zu diesem Sonntag. Guten Morgen , liebe Hörerinnen und liebe Hörer, ich bin Eberhard Helling und als Pfarrer für den christlich-islamischen Dialog in der westfälischen Landeskirche mitverantwortlich. Immer wieder suche ich das Gespräch mit muslimischen Partnern, um über biblische Personen und unseren Glauben zu reden. Ich habe gemerkt, dass ich in diesem Gespräch meinem eigenen Glauben immer besser auf die Spur komme. Johannes, der Täufer; er ist ein Mann, der zur Umkehr ruft. Ein Prophet, den nicht nur die Juden und Christen kennen.
O-Ton - El Shamsy: Ja wir kennen auch Johannes den Täufer, im arabischen : jachija; er kommt auch im Koran vor - als Prophet, als Rechtschaffender, als Asket und als Verkünder von Jesu.
Autor: So beschreibt ihn Sara El Shamsy. Sie ist Muslima, lebt mit ihren 5 Kindern und ihrem Ehemann in der Nähe von Bielefeld und engagiert sich seit vielen Jahren im christlich-islamischen Dialog. Ebenso wie Cefli Ademi, ein junger Jurist, der in Bielefeld ehrenamtlich als Öffentlichkeitsreferent des Bündnisses der islamischen Gemeinden arbeitet.
O-Ton Ademi: Die Prophetenverkündigung sieht im Islam so aus, dass in der Essenz, im Wesen die Propheten alle dasselbe verkündigt haben, nämlich Gott ergeben zu leben und die Gottergebenheit anderer anzuerkennen.
Autor: - so Cefli Ademi. Wird das in der Bibel ähnlich gesehen? Ja und Nein! Ja denn auch in der Bibel geißeln Propheten die Verlogenheit der Menschen: auf der einen Seite behaupten gewisse Leute, zu Gott zu gehören; aber genau diese Leute verhalten sich so, dass ihre Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Weil den Propheten an der Glaubwürdigkeit ihres Glaubens liegt, gerade deswegen legen sie immer wieder ihre Finger in diese Wunde.
Bibel: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: jeder Baum , der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. (Matt 3, 2.9f)
Autor: So gibt die Bibel die scharfe Gerichtsdrohung von Johannes dem Täufer wider; und mit diesen Worten steht Johannes in der Tradition der Propheten Israels; er ist aber auch dem sehr nahe, was der Koran über die Propheten sagt. Allerdings höre ich bei dem Täufer noch einen anderen Ton. Er kündigt das Gericht über alle Menschen an, die ihren Glauben nur als Attrappe leben; mit dieser großen Abrechnung verbindet Johannes aber noch etwas anderes - das Himmelreich...
Musik (CD Tommy Emanuel, Only, Nr 13)
Autor: Das Gericht Gottes und das Himmelreich so hat es Johannes der Täufer in der biblischen Version zusammen gesehen .Auch Muslime erwarten das Gericht Gottes, allerdings in einer ganz bestimmten Haltung. Sara El Shamsy beschreibt es so:
O-Ton El Shamsy: Belohnung und Bestrafung im Jenseits hängt am Verhalten im Diesseits und das setzt doch Mündigkeit voraus und eine unmittelbare Beziehung zu Gott. Das ist für mich erst einmal das Wichtigste, dass ich als Mensch mündig bin, mich richtig oder falsch zu verhalten,. Und das, was ich im Islam so besonders schön finde ist diese Unmittelbarkeit in der Beziehung zu Gott ... Es gibt keinen Klerus, es gibt keinen Mittler, es gibt keine Erbsünde, sondern ich bin als Muslima in einer ganz intimen Beziehung zu meinem Schöpfer. Und in dieser Beziehung vertraue ich ganz persönlich ja die Eigenschaft, die am häufigsten vorkommt im Koran von Allah, sein wichtigstes Attribut und das ist die Barmherzigkeit. Im Grunde lebe ich mit dem Vertrauen und der Hoffnung auf seine Barmherzigkeit.
Autor: Haben Sie, liebe Hörer die Ankündigung eines Gerichts am Ende der Zeiten nach dem Islam auch mit Barmherzigkeit zusammengebracht? Bei mir musste es erst etwas sacken, bis ich meine Vorurteile dem muslimischen Glauben gegenüber verarbeitet hatte. Ich hab bislang immer gedacht, dass es in der muslimischen Vorstellung nur eine ganz klare und letztlich unbarmherzige Abrechnung am Ende der Zeit geben wird. Sara El Shmasy nun hat es ganz anders beschrieben und ganz ähnlich sagt es auch der Jurist Ademi:
O-ton Ademi: Das was mich am Islam, am Koran so fasziniert war die Tatsache der Selbstverantwortlichkeit. das kenne ich aus dem Strafrecht, dem deutschen Strafrecht.Dda heißt es in einem schönen Vers aus dem Koran: und wer Gutes tut und möge es nur so groß oder so klein sein wie ein Staubkorn, der wird es sehen der wird quasi dafür zur Verantwortung gezogen Und wer schlechtes tut, und möge es auch nur so klein sein wie ein Staubkorn, der wird es sehen, der wird dafür zur Verantwortung gezogen werden.
Autor: und im Gespräch nennt er noch die Möglichkeit in der Rechtsprechung, mildernde Umstände walten zu lassen - für ihn eine Entsprechung zu dieser islamischen Beschreibung der Barmherzigkeit Gottes. Sara El Shamsy drückt es auf ihre Weise aus:
O-ton El Shmasy: Ganz interessant übrigens das Wort Barmherzigkeit im Islam, das heißt ja: alla rachmeinu rachmin das Wort rachim, das kommt von rach das kennt man ja auch aus dem Hebräischen - , rachem das heißt Gebärmutter
also eine Mutter Kind- Beziehung, auch eine Liebesbeziehung Gut islamisch ist das ganz klar - Gott ist nicht weiblich oder männlich, aber dieses Hauptattribut,
die Barmherzigkeit, dies ist zutiefst weiblich ganz klar! Weiblicher als Gebärmutter geht nicht.
Musik (Tommy Emanuel, Only, Nr. 2)
Autor: In diesem Gespräch ist mir wieder deutlich geworden, wie innig Muslime ihren Glauben beschreiben können; alles andere als formelhaft, sehr persönlich und zugleich ausgesprochen alltagstauglich:
O-Ton Ademi: Was die Praxis anbelangt, der Muslim lebt mit dem Bittgebet wiederum auf arabisch:... im Namen Gottes lebe und sterbe ich, das heißt, jeden Schritt den ich gehe, jedes Mal , wenn ich aus dem Hause gehe, dann gehe ich im Namen Gottes des Barmherzigen, des Allerbarmers aus dem Haus ... Jeder Herzschlag, der schlägt jedes Mal fragt das Herz Gott um Erlaubnis, ob es schlagen darf - und jedes Mal sagt Gott: ja, ja, ja .
Musik (Tommy Emanuel, Only Nr. 10)
Autor: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit auf der Seite Allahs, Selbständigkeit und Mündigkeit auf der Seite des Menschen das ergibt eine innige und eine ehrfurchtsvolle Beziehung zwischen den Menschen und Gott. Zugleich verbindet sich mit dieser Art des muslimischen Glaubens eine ausgesprochen aufgeklärte Haltung anderen Glaubensweisen gegenüber - so habe ich unsere die muslimischen Gesprächspartner verstanden.
Es gibt ohne Frage eine Ähnlichkeit zwischen dieser Botschaft des Koran und dem, was die Bibel uns von den Propheten und auch von Johannes dem Täufer übermitteln. Nur wird im Schicksal des Täufers eine ganz entscheidende Dimension des biblischen Glaubens deutlich, die ich im Koran so nicht finde und zwar die Erfahrung des Scheiterns. Johannes hat zunächst großen Erfolg mit seiner Verkündigung gehabt: ganz Jerusalem und Judäa soll zu ihm an den Jordan gekommen sein.
Nun vielleicht nicht alle, aber die, die ihm zugehört haben, die wussten, dass Gottes Herrschaft den Menschen auf den Leib rückt. Sehr klar hat er davon gesprochen und konsequent gelebt. Seine deutliche Kritik am Lebensstil der herrschenden Klasse hat ihm beim Volk großen Respekt eingebracht ihm selbst aber Gefängnisaufenthalt und schließlich die Hinrichtung.
Bibel: Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. (Matth 11, 2-6)
Autor: Zweifel ist Johannes nicht erspart geblieben: warum sollte Gott, der doch gerecht ist und ein gerechtes Urteil über die Menschen fällen wird, warum sollte dieser Gott es zulassen, dass seine Propheten scheitern; warum endet Johannes so kläglich; und vor allem: hat er sich in Jesus getäuscht? Ist Jesus gar nicht der Messias, der Gesandte Gottes? Warum holt Jesus ihn nicht aus dem Gefängnis heraus? Gibt es noch einen anderen, einen, der klarer, deutlicher zeigen wird, was Gott vor hat?
Jesus gibt keine fertige Antwort, die wir nur nachsprechen müssten; die Bibel überliefert von Jesus nur Hinweise. So aber können wir zu einer eigenen, selbständigen Antwort kommen. Wir werden aufgefordert, wahrzunehmen, was im Umfeld Jesu geschieht: gesund werden, selbständig werden, lebendig werden, endlich wieder froh werden das geschieht im Umfeld Jesu.
Musik (Tommy Emanuel, Nr 10)
Autor: Gesund werden, selbständig werden, lebendig werden, endlich wieder froh werden ... Stimmt das, geschieht das wirklich im Umfeld Jesu, im Umfeld seiner christlichen Gemeinden?! Cefli Ademi bringt diese Anfrage auf den Punkt:
O-ton Ademi: Die moralischen, die ethischen, die Glaubenswerte, die werden in den Hintergrund gestellt das ist, was ich beobachte. Das, was ich noch trauriger finde ist, dass, wenn Christen, auf die ich stoße..., dann bezeichnen sie sich im ernstesten Sinne als Christen..., aber wenn man sie fragt, was der Glaube von ihnen abverlangt, oder was Christentum überhaupt bedeutet oder was evangelisches Christentum bedeutet die wissen erschreckend wenig. Deswegen hat sich bei Muslimen das Bild gegenüber Christen so breit gemacht, dass sich das zu einem Gesinnungsglauben entwickelt.
Autor: Ich habe den Eindruck, dass den Muslimen mit dieser Beobachtung eine Schwäche im christlichen Glauben aufgefallen ist, die nicht weg zu diskutieren ist: die Schwäche, nicht genau sagen zu können, was eigentlich christliches Handeln ist, was der christliche Glaube von einem Menschen, der sich zu diesem Glauben bekennt abverlangt. Könnte denn nicht ein Muslim, ein Buddhist, ein Humanist sich genauso für diese oder für jene Aktion bereit finden wie ein Christ?!
Und nur eine fromme Formel herzusagen, das macht doch noch keinen Christen aus; nur seine Gesinnung in einigen korrekten Worten wiederzugeben, das kann doch nicht die Substanz des christlichen Glaubens und eines entsprechenden Lebens sein.
Ja, da ist eine Schwäche; aber vor dieser Schwäche stand schon Johannes der Täufer; er, der letzte Prophet in der Bibel er hat angekündigt, dass Gott auf die Menschen zukommt und die Menschen werden Gott nicht ausweichen können. Dem Johannes wurde berichtet, was im Umfeld Jesu geschah; und nur wegen dieser Erzählungen sollte er glauben, dass Gott sich in Jesus aus Nazareth auf die Menschen eingelassen hat? In Jesus soll dieser unausweichliche Gott gekommen sein?
Genau das bekennt der christliche Glaube. Aber dieser Glaube kann sich nur schwach zeigen, wenn denn Jesus selbst in einer Flüchtlingsfamilie zur Welt kommt und er kläglich am Kreuz endet. Diese Uneindeutigkeit, diese Schwäche ist dem christlichen Glauben schon von Anfang an mitgegeben. Aber - diese Schwäche ist die eigentliche Stärke unseres Glaubens. Denn allein in dieser Schwäche liegt die Freiheit, selbst Ja zu diesem Glauben zu sagen. Man kann mich durch keine Moral, durch keine Überlegung zu diesem Glauben nötigen. Das einzige, was in diesem Glauben zwingend ist, das ist die Liebe, die sich im Leben Jesu gezeigt hat. Und Liebe, die kann nur schwach daher kommen - schwach, aber unwiderstehlich.
Gesund werden, selbständig werden, lebendig werden, endlich wieder froh werden das geschieht auch im Umfeld der christlichen Gemeinden. Und Christen beziehen diese Erfahrungen auf den Gott, der sich ihnen in Jesus aus Nazareth gezeigt hat. Manchmal ärgere ich mich, dass unser Glaube nicht eindeutiger zu haben ist; aber dann würde die Freiheit auf Spiel gesetzt. Darum lässt Jesus seinem Propheten Johannes ausrichten: Selig, wer sich nicht an mir ärgert.
Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer einen gesegneten dritten Advent, Eberhard Helling, Gemeindepfarrer aus Lübbecke und Bielefeld
*) Musik Tommy Emanuel, Only, produced by Rod Tamlyn & Tommy Emanuel Label Favorit Nation Acustic; Label Code: FNA 5040-2; Komponist aller Stücke ist Tommy Emanuel.
Johannes - Prophet und Querulant im christliche-islamischen Gespräch
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