Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.12.08, Pfarrerin Antje Rösener

Das tut gut

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Vor ein paar Wochen träumte ein Mann einen kühnen Traum. Er saß mit seinem Kollegen in der S-Bahn:

“Wenn Borussia Dortmund Weihnachten in der Tabelle vor Schalke steht, das sag ich dir, dann kommt die Tabelle in den Weihnachtsbaum, ganz oben hin, mitten in die Spitze“. Sein Kumpel lachte und auch ich konnte wohl ein Grinsen nicht verbergen. Jedenfalls schaute er mich plötzlich an und und meinte: „Und, Sie, ich meine Sie als Frau, was würden Sie denn dazu sagen???“. „Das könnte mich nicht schocken“ antwortete ich spontan und es war ehrlich gemeint.

Die Vorstellung fand ich sogar ganz amüsant...die Tabelle der Fußballbundesliga im Weihnachtsbaum... oben in der Spitze, da wo es eh immer so schwer ist, was Gescheites aufzuhängen. Zugegeben, ich wäre nicht auf die Idee gekommen, aber ich hätte meinen Spaß daran gehabt. Denn Weihnachten – das ist eben auch das Fest der Wünsche.

Und wenn es gut, wenn es ganz gut läuft, dann gehen ein paar davon sogar in Erfüllung. Vermutlich niemals alle. Denn mit den Wünschen ist das so eine Sache. Manche unserer Wünsche, die spüren wir in der Hektik unseres Alltags gar nicht. Das ganze Jahr über herrscht Ruhe. Aber auf einmal sind sie da. In diesen Tagen um das Weihnachtsfest herum schleichen sie sich heraus, heimlich und leise kommen sie hervorgekrochen und nagen an unserer Stimmung.

Da ist ein Konflikt mit der Schwester, dem Vater, der Nachbarsfamilie, einem Kollegen. Eigentlich will man zueinander kommen, aber niemand findet das erste Wort, das die Brücke bauen kann. Unsicherheit, Ratlosigkeit, alte Wut...wohin damit?

Da sind finanzielle Sorgen, Schulden, Angst um den Arbeitsplatz, Angst um das Ersparte, Angst um die Zukunft der Kinder: Finden sie eine Stelle nach der Lehre, nach dem Studium? Kurzum, da ist so manches, was auf der Seele liegt. Von großen Träumen, ausgelassener Freude oder zumindest gelassener Heiterkeit angesichts des Festes...- kann gar nicht immer die Rede sein.

Früher war die Adventszeit eine Fastenzeit. Fasten – das ist mehr, als auf bestimmte Speisen zu verzichten. Fasten – das bedeutet immer auch, sich um das zu kümmern, was in der eigenen Seele rumort. Natürlich nicht einfach so, damit es einem noch ein bisschen dreckiger geht. Nein, dahinter steht die jahrtausendalte Erfahrung, dass alles seine Zeit braucht: Wir Menschen brauchen Zeiten mit viel Aktivität nach außen und Zeiten, in denen wir mehr nach innen lauschen. Dahinter steht auch die Erfahrung, dass wir ein Fest ganz anders genießen können, wenn  wir vorher in unserem Inneren etwas aufgeräumt haben.

Ich kenne einen jungen Mann, der in der Adventszeit jede Woche mindestens einmal eine offene Kirche aufsucht. Er setzt sich in eine der Bankreihen, ohne Zeitdruck. Schaut sich um, genießt die Ruhe, lauscht nach innen. „Irgendwann fühlt es sich an wie ein Gebet“, erzählte er mir. „Obwohl ich gar nicht fromm bin, obwohl ich mir das gar nicht vornehme, aber auf einmal fühlt es sich an wie ein Gebet. Das tut so gut, gerade jetzt vor Weihnachten.“

Alles braucht seine Zeit. Weihnachten, das Fest der Freude, der Liebe, der Geschenke und Besuche, der großen und kleinen Wünsche – dieses Fest braucht Zeiten der Ruhe im Vorfeld, im Advent.  Zeiten, in denen wir spüren, was in uns rumort. In denen wir aussprechen können, was uns belastet. Zeiten, in denen wir ruhig und passiv sind, damit etwas Schönes, damit etwas Überraschendes passieren kann:
„Auf einmal fühlt es sich an wie Gebet. Das tut so gut, gerade jetzt vor Weihnachten.“

Audiobeitrag Das tut gut


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen