Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.12.08, Pfarrerin Antje Rösener

Kain und Abel

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, „Soll ich denn meines Bruders Hüter sein???“ Diese Frage steht ganz am Anfang der Bibel.

Ein Streit unter Männern, ein Streit unter Brüdern. Beide haben sie ihren Beruf, beide arbeiten hart. Abel als Schäfer, Kain als Ackerbauer.

Eines Tages wollen sie Gott zeigen, was sie geleistet haben. Sie bringen vor Gott ein Opfer dar. Abel bringt die Erstlinge seiner Herde, Kain von den Früchten des Feldes. Gott aber scheint Kains Opfer nicht zu gefallen. Kain ergrimmt. Aus Grimm wird Ärger, aus Ärger wird Neid, aus Neid wird Hass. Kain lockt seinen Bruder aufs Feld und schlägt ihn tot.

„Wo ist dein Bruder Abel“ fragt Gott Kain ein wenig später. „Soll ich denn meines Bruders Hüter sein?“ entgegnet Kain.

Es ist eine so simple Geschichte. Mit einer so schlichten Handlung. Viel zu simpel für einen Film oder einen Roman. Manchmal frage sogar ich mich als Pfarrerin, braucht unsere Welt solche einfachen biblischen Geschichten noch? Kinder... ja, die vielleicht schon, die müssen ja noch lernen, was gut und böse ist. Aber die Erwachsenen, wissen sie das nicht längst? Dass man seinen Neid zügeln sollte, dass man seinen Bruder nicht einfach erschlägt? Dass diese Frage auch mir gilt, diese Frage nach meinen Brüdern, Schwestern, Mitmenschen? Und dass ich mich nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen kann mit einer läppischen Antwort wie: „Soll ich denn meines Bruders Hüter sein?“

Es ist noch nicht lange her, da starben 20 alte und zum Teil behinderte Menschen auf der A 2 bei Hannover. Der Bus war urplötzlich in Brand geraten. Nur einige Insassen aus dem vorderen Teil konnten sich retten, die alten Menschen im hinteren Teil hätten fremde Hilfe gebraucht. Der Busfahrer berichtet, er habe sich an den Straßenrand gestellt und um Hilfe gewunken. Aber es hielt kaum ein Auto an. Es kam fast niemand. Obwohl der Bus lichterloh brannte. Übersehen konnte man das Unglück also nicht. Und Kinder können es auch nicht gewesen sein, die hier mit Tempo 140 vorbeigerauscht sind. Es müssen Erwachsene gewesen sein, erwachsene Frauen und Männer.

„Wo ist denn dein Bruder Abel?“ fragt Gott Kain. Kain - das sind wir wohl alle. Wenn wir versuchen, uns raus zu reden. Wenn wir vorbei rauschen dort, wo es brennt. Oder noch viel schlimmer: Ein Auto hielt sogar an, am Unfallsort, so berichtet der Busfahrer, ein Mann stieg aus und filmte das Unglück mit seinem Handy. Den Film konnte er später an einen Nachrichtensender verkaufen.

Es könnte doch sein, dass wir eines Tages selbst mal auf der Straße liegen und Hilfe brauchen. Dass etwas in unserem Leben lichterloh brennt. Dass es um alles geht. Leben oder Tod. Es könnte sein, dass dann alle vorbei rauschen mit Tempo 140. Erwachsene Männer. Erwachsene Frauen.

Fast 3000 Jahre ist sie alt, diese Geschichte von Kain und Abel. Wir brauchen sie noch immer, jeden Tag neu.

Audiobeitrag Kain und Abel


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