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Zart und Fein
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Weihnachten ist das Fest der Liebe. Das ist richtig und doch irgendwie ein Allgemeinplatz. Liebe das ist ein so großes Wort.
Das ist so ein großer Anspruch, dass ich mich davon ganz schnell erschlagen fühle.
Probieren wir es mal anders: Weihnachten das Fest der Zärtlichkeit. Zärtlichkeit - das klingt weicher, vorsichtiger, zurückhaltender. Zärtlichkeit das kommt von Zartheit...und das würde ja passen zu dem neugeborenen Kind in der Krippe.
Erinnern Sie sich daran, als Sie zum letzten Mal ein Neugeborenes gesehen haben? Ich habe jedes Mal das Gefühl, das kleine Geschöpf vor mir könnte auf der Stelle zerbrechen. Diese kleinen Finger, dünner als ein Bleistift,...die kleine Stummelnase...die schrumpeligen Füße...man wird augenblicklich leiser in der Stimme, zarter, zurückhaltender.
Der evangelische Theologe und Buchautor Fulbert Steffensky erzählt eine schöne Geschichte: Er stand mit einem seiner Enkelkinder vor einem Neugeborenen. Staunend betrachteten sie das Baby. Es hat so schön unabgelaufene Füße sagte da auf einmal sein Enkelkind.
Ja, es ist auch nicht nur das Kleine und Zarte, das uns an einem Neugeborenen rührt, es ist auch die Tatsache, dass sie so frisch sind auf dieser Welt. Dass sie gestern noch nicht da waren und heute auf einmal vor uns liegen, atmen, schreien, sich bewegen. Dass alles in ihrem Körper funktioniert, die Füße können laufen, aber noch sind sie eben so herrlich unabgelaufen.
Weihnachten das Fest der Zärtlichkeit. Zärtlichkeit dieses Wort findet man in keinem theologischen Wörterbuch. Es schmückt nur selten Predigten oder theologische Vorlesungen. In manche Weihnachtslieder allerdings hat es sich schon vor vielen Jahrhunderten hinein geschlichen:
Sprecher: Euch ist ein Kindlein heut gebor'n Von einer Jungfrau auserkor'n Ein Kindelein so zart und fein, das soll eu'r Freud und Wonne sein.
So dichtete Martin Luther vor fast 500 Jahren. Weihnachten - das Fest der Zärtlichkeit. Ein Fest, bei dem wir das Feine und Zarte wahrnehmen und entdecken: Das Winterlicht am frühen Morgen, den Geruch von frischem Tannengrün, einen freundlichen Blick des Nachbarn.
Ein Fest, bei dem wir staunen über das, was eben noch nicht da war und jetzt vor uns liegt: Die kleinen Wunder der vergangenen Wochen oder auch die großen: Anfang der 60'er Jahre besaßen die Schwarzen in den USA noch nicht einmal das Wahlrecht. Heute, 50 Jahre später wurde ein Schwarzer zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Eben noch unvorstellbar, jetzt Realität.
Zärtlichkeit ist immer auch etwas Sinnliches, Körperliches, es hat mit Berührung zu tun. Sich berühren lassen, sich rühren lassen na... wird es jetzt nicht doch zu kitschig, zu sentimental, typisch weiblich vielleicht auch? Könnte sogar sein, könnte sogar sein, dass das Feine und Zarte immer noch mehr Sache von Frauen und Kindern ist. Könnte sein, dass das mit dem - Sich-Berühren-Lassen für Männer immer noch schwerer ist auch wenn sich in den letzten Jahren schon vieles verändert hat.
Aber Weihnachten, da geschieht etwas Neues. Gott selbst wird ein Kind - mit so herrlich unabgelaufenen Füßen. Weihnachten schenkt Gott den Menschen neue Möglichkeiten: Zeit für das Zarte und Feine. Zeit für Zärtlichkeit.
Zart und Fein
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