Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.12.08, Pfarrerin Antje Rösener

Es kommt ein Schiff!

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, es ist schon viele Jahre her. Ich war zu einer Fortbildung nach Köln gefahren.

Gleich am ersten Tag lernte ich ein paar nette Kollegen kennen. Nach dem letzten Vortrag abends gingen wir spazieren am Rhein.

Irgendwann fanden wir eine leichte Anhöhe und schauten von dort auf den Fluss. Breit und behäbig lag er vor uns. Unübersehbar! - Riechen konnte man ihn übrigens auch. Am Horizont tauchten immer wieder mal Schiffe auf, wie aus dem Nichts, auf einmal waren sie da. Große Lastkähne. Manchmal stapelten sich Container auf ihrem Deck, dann wieder sah man kaum was. Was hatten sie an Bord? Wo kamen sie her? Wo zogen sie hin? Wie ist das, auf einem Schiff zu leben, tagaus, tagein? -

Nach dem anstrengenden Tag fingen wir an rumzublödeln, unsere Fantasien auszutauschen, erfanden Geschichten wie die aus Tausend und einer Nacht: Von einsamen Kapitänen, die ihrer Liebsten unter Deck herzzerreißende Zeilen dichten oder  kostbaren Juwelen, die im Dunkel eines Schiffes darauf warten, endlich wieder an der Brust einer schönen Frau funkeln zu können.

„Es kommt ein Schiff geladen…“ – heißt eines unserer bekanntesten Adventslieder. Jedes Mal, wenn ich es singe, muss ich an diesen Abend in Köln denken.

Sprecher:  Es kommt ein Schiff geladen/bis an sein höchsten Bord,/trägt Gottes Sohn von Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,/es trägt ein teure Last,/das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft auf Erden,/ da ist das Schiff an Land./Das Wort will Fleisch uns werden
der Sohn ist uns gesandt.

Diese Strophen werden dem Mystiker Johannes Tauler zugeschrieben. Er lebte als Dominikanermönch auch am Rhein, und zwar in Straßburg. Vielleicht hat auch er oft am Ufer dieses Flusses gestanden und seinen Blick in die Ferne schweifen lassen. Vielleicht hat auch er oft den Schiffen zugeschaut, wie sie näher kamen, wie sie sich entfernten. Vielleicht hat auch er so manches Mal gerätselt: Was ist an Bord? Wo kommt das Schiff  her? Wo will es hin?

Mir fällt auf, dass das Schiff in diesem Lied ganz im Zentrum steht. Es interessiert den Mystiker Johannes Tauler viel mehr als dessen Fracht: Als der Sohn, der am Ende der Reise geboren wird. Als Jesus Christus, der das Wort Gottes Fleisch werden lässt.

Heute habe ich leider nur noch selten Gelegenheit am Rhein zu stehen und den Schiffen nachzusinnen. Aber die Botschaft dieses Liedes, die ist mir in Fleisch und Blut übergegangen:

„Sei ganz aufmerksam für die Schiffe, die deinen Alltag durchkreuzen.
Sei aufmerksam für das Geheimnis, das sie bergen.
Vielleicht wird für Momente das Wort Gottes wieder Fleisch,
wie damals, vielleicht scheint etwas auf
von dem Licht und der Lebendigkeit Jesu Christi,
wie damals.
Schau hin, wo auch immer du stehst und gehst.
Sei aufmerksam, rechne mit Gottes Gnade.“

Audiobeitrag Es kommt ein Schiff!


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