Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.12.08, Pfarrerin Antje Rösener

Jesus und Gott

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, „Wir sagen euch an den lieben Advent, sehet die vierte Kerze brennt“, dieses Lied wird morgen in vielen Kirchen

mit Kindern gesungen. Es ist ein Lied mit vier kurzen Strophen, das auch in unserem Gesangbuch steht. Aber auch kurze Strophen haben manchmal ihre Tücken. Denn da heißt es weiter: „Gott selber wird kommen, er zögert nicht, auf, auf ihr Herzen, und werdet licht.“

Gott selber wird kommen ...! Vor ein paar Jahren fragte mich mal eine Freundin, ob ich ihrer Tochter diese Liedzeile nicht mal erklären könnte. Wie soll sich ein Kind das nur vorstellen, dass mit der Geburt Jesu, dass in der Geburt Jesu Gott selber zu uns kommt.

Ich weiß gar nicht mehr, wie unser Gespräch dann verlaufen ist und was ich gesagt habe. Jedenfalls unterbrach uns das Mädchen irgendwann ganz abrupt: „Vielleicht hat das irgendwer einfach mal so gesagt, weil... weil Jesus eben aus dem Herzen Gottes rauskommt.“ Damit war für sie die Sache geklärt. Das machte sie uns unmissverständlich deutlich.

Ich war ehrlich gestanden ziemlich platt. Dass Jesus eben aus dem Herzen Gottes rauskommt! So war das also. Was für eine Formulierung! Das Herz, das ist der Ort, an dem sich Leben und Tod entscheidet. Das ist für uns das Zentrum eines Menschen, der Sitz von Liebe und Mitgefühl.

Mit meinen Worten gesagt: Wenn wir Jesus anschauen, dann verstehen wir Gott. Dann verstehen wir, wie Gott ist. Dann verstehen wir, was Gott will. Dann sind wir seiner Liebe, seinem Mitgefühl ganz nah.

Gott ist für uns ja schwer vorstellbar, er lässt sich auf kein Bild festlegen. Jesus aber lebte auf der Erde, er segnete Kinder, er befreite Menschen zur Liebe, heilte Kranke, holte Ausgestoßene in die Gemeinschaft zurück. Das kann ich mir vorstellen, das ist konkret. Da bekommt Gott sozusagen Hand und Fuß. Oder wie es die Theologie sagt: Da wird Gott Fleisch.

Damit ist Jesus so etwas wie ein Vorbild für uns. Bleibt die Frage: Brauchen wir Erwachsene so was? Kinder, ja klar, die brauchen Vorbilder. Aber Erwachsene? Mir geht es so, dass ich immer wieder in Situationen gerate, in denen es zwei Möglichkeiten gibt: Den Mund auftun, etwas bei Namen nennen oder schweigen, die Sache wegdrücken. Hinter dem Schweigen steckt dann oft auch Resignation: Sollen die doch ihren Mist alleine machen, sie werden schon merken, was sie davon haben.

Wenn ich an Jesus denke, dann glaube ich, vielleicht hätte Jesus nicht so schnell resigniert, nicht so schnell klein beigegeben, vielleicht wäre er mutiger gewesen und hätte es zumindest probiert. Jesus ist dann so etwas wie ein Vorbild, das mir eine Richtung weist. Oder wie beschreibt es das eben schon erwähnte Kinderlied in seiner Strophe zum dritten Advent:

„Wir sagen euch an den lieben Advent.
Sehet die dritte Kerze brennt.
Nun tragt eurer Güte hellen Schein,
weit in die dunkle Welt hinein.“

Audiobeitrag Jesus und Gott


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