Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.12.08, Pfarrerin Antje Rösener (Choralandacht)

O Heiland, reiß die Himmel auf (eg 007)

Guten Morgen, liebe Hörer und Hörerinnen, Mit Dank und Freude, mit Frohlocken und Jubel – so schmeicheln sich viele Adventslieder in unsere Ohren.

Doch es gibt auch andere Töne:

Choral (1+2): „Oh Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür reiß ab, wo Schloß und Riegel für.
O Gott, ein Tau vom Himmel gieß, im Tau herab, o Heiland, fließ, Ihr Wolken, brecht und regnet aus, den König über Jakobs Haus.“


Autorin:
Oh Heiland, reiß die Himmel auf...,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür..,
O Gott, ein Tau vom Himmel gieß...,
ihr Wolken brecht und regnet aus...!

Was für seltsame Wünsche! Sie klingen wie ein Hilferuf, wie ein Stoßgebet, sie klingen drängend, fast etwas verzweifelt.

Vor wenigen Wochen fuhr ich von der Arbeit nach Hause, als sich ein furchtbarer Sturzregen über der Autobahn ergoss. Der Himmel war in wenigen Minuten rabenschwarz geworden. Und dann brachen die Wolken auf, ganz genauso wie hier im Lied beschrieben, so als ob jemand die Schleuse geöffnet hätte. Der Regen prasselte auf das Autodach. Mir verging Hören und Sehen. An ein Weiterfahren war nicht zu denken. Ich musste warten, bis das Unwetter vorüber war.

So schnell, wie der Regensturz gekommen war, so schnell war er auch wieder vorbei. Friedlich glänzend lag die Autobahn nun wieder vor mir, fast so, als wäre nichts geschehen, außer das jemand sie mal richtig von allem Schmutz und Dreck befreit hätte.

Musik: Choral instrumental

Friedrich von Spee, der Autor dieses Liedes, könnte sich genau das gewünscht haben. Dass jemand kommt, vom Himmel herab, dass Gott kommt, vom Himmel herab, um diese Welt von allem Schmutz und Dreck zu befreien.

Friedrich von Spee wurde 1591 in Kaiserwerth geboren. Das ist heute ein Stadtteil von Düsseldorf. Er war Sohn eines hohen Beamten in Köln und genoss eine gute Erziehung. Mit 19 Jahren trat er gegen den Willen seiner Eltern in den Jesuitenorden ein. Beflissen und emsig  studierte er Philosophie und Theologie. 1623 – Friedrich war 32 Jahre alt - wurde er zum Priester geweiht. Noch war er ein Priester unter vielen. Niemand konnte ahnen, dass Friedrich von Spee schon wenige Jahre später eine der umstrittensten geistlichen Persönlichkeiten seiner Zeit sein würde.

Choral (3+4): O Erd, schlag aus, o Erd / dass Berg und Tal grün alles werd / O Erd, herfür, dies Blümlein bring / o Heiland, aus der Erden spring.
Wo bleibst du Trost der ganzen Welt / darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O Komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal. 

Autorin: Wo bleibst du Trost der ganzen Welt? Als Friedrich von Spee 1623 Professor für Philosophie an der Jesuitenuniversität in Paderborn wird, tobt um ihn herum der Dreißigjährige Krieg.

Ganze Landstriche werden verwüstet, Dörfer in Trümmerhaufen verwandelt. Doch da ist ein anderes Unrecht, auf dass der junge Mann seit längerem heimlich sein Augenmerk gerichtet hat. Er beobachtet und beurteilt die Prozesse an den Gerichten, die Justizvorgänge der Kirche und stößt auf unglaubliche Vorgänge.

1628 vergräbt sich Friedrich von Spee in Köln in Bibliotheken und studiert die gesamte Hexenliteratur. Er nimmt bei Gericht Einsicht in Prozessakten, spricht mit den Henkern, aber auch den Verurteilten, manche soll er bis zum Scheiterhaufen begleitet haben. In Köln hat der Hexenwahn inzwischen unglaubliche Ausmaße angenommen: Im Namen der Kirche werden Hunderte von Unschuldigen verurteilt, gefoltert, hingerichtet.

Friedrich von Spee notiert akribisch all seine Beobachtungen, heimlich, verschlüsselt, nur für sich selbst. Trotzdem lenkt er den Argwohn seiner Ordensoberen auf sich, der ihn zeitlebens nicht mehr verlassen wird. Man versetzt ihn mal hierhin, mal dorthin, man verweigert ihm die letzten Gelübde.

Im April 1631 spitzt sich die Lage zu: Ein Buch über die Hexenprozesse erscheint im Handel. Darin werden die willkürlichen Verurteilungen und die gewalttätigen Verfahren, wie z.B. Folterungen, heftig kritisiert. Sein Verfasser bleibt unbekannt. Das Buch ist in wenigen Wochen vergriffen, ein Bekannter von Friedrich muss es ohne sein Wissen in den Druck gegeben haben. Aber fast jedermann zwischen Rhein und Weser ahnt, wer als Autor in Frage kommt.

Sprecher: O klare Sonn, du schöner Stern / dich wollten wir anschauen gern / o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein / in Finsternis wir alle sein. 

Choral (Strophe 5): O klare Sonn, du schöner Stern / dich wollten wir anschauen gern / o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein / in Finsternis wir alle sein. 

Autorin: Nicht nur in dieser Strophe, auch in vielen anderen seiner mehr als hundert Lieder, beschwört Friedrich von Spee die Phänomene der Schöpfung. Inmitten der Grausamkeit dieser Welt erwartet er Heil, Rettung, Licht und Wärme von der Sonne, den Sternen, den Blumen und Blüten der Natur. Darin findet er Trost. Ganz wie Franz von Assisi oder auch sein etwas jüngerer Zeitgenosse, der protestantische Liederdichter Paul Gerhardt, entdeckt er Gott, Gottes Liebe zu seiner Welt in der Schönheit der Natur.
Das gibt ihm Kraft in seinem Alltag. Denn kaum wendet Spee den Blick von der Schöpfung ab, rückt das Elend dieser Welt wieder in den Vordergrund.

Choral: Hier leiden wir die größte Not / vor Augen steht der ewig Tod / Ach, komm, führ uns mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland. 

Sprecher: Hier leiden wir die größte Not / vor Augen steht der ewig Tod / Ach, komm, führ uns mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland.

Autorin: Friedrich von Spee wird noch konkreter: Die Vergnügungs- und Prunksucht der vornehmen Gesellschaft, deren Gleichgültigkeit für das Elend anderer, die Verdrehung des Rechts, auch in der Kirche – all das nennt er bei Namen. Er stirbt 1635, erst 44 Jahre alt, weil er sich bei seiner Arbeit mit Kriegsversehrten selbst mit einem pestartigen Fieber infiziert hatte.

O Heiland reiß die Himmel auf - mir ist dieses Lied ans Herz gewachsen. „Friede auf Erden“ singen die Engel den Hirten, als sie ihnen die Nachricht von der Geburt des Jesuskindes überbringen. Dieses Lied erinnert mich daran, dass der Friede hier auf Erden immer gefährdet war und ist. Dass er all zu oft mit Füßen getreten wird. Dass das Unrecht immer wieder zu obsiegen scheint. Dass die Gier der Menschen nach Macht und Geld mit Gesetzen in seine Schranken gewiesen werden muss.

Der Friede auf Erden fällt uns nicht in den Schoß. Er braucht viele Hände, kluge Köpfe und empfindsame Herzen. Er braucht Menschen – wie Friedrich von Spee - die Einspruch erheben, wenn das Unrecht zum Himmel schreit: Oh Heiland reiß die Himmel auf!

Choral (1): „Oh Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür reiß ab, wo Schloß und Riegel für.

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin Antje Rösener aus Hattingen über den Choral “O Heiland, reiß die Himmel auf“- Evangelisches Gesangbuch Nummer 7. Es sang das Wilhelmshavener Vokalensemble unter der Leitung von Ralf Popken.

Audiobeitrag O Heiland, reiß die Himmel auf (eg 007)


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