Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.12.08, Pfarrer Jochen Müller

Rollenwechsel

Gestern haben wir den dritten Advent gefeiert. Nur noch anderthalb Wochen, dann ist Weihnachten, dann feiern wir die Geburt Jesu, des Sohnes Gottes.

In den Kirchen wird an diesem dritten Adventssonntag traditionell das Augenmerk nicht auf Jesus, sondern auf einen Zeitgenossen Jesu geworfen, auf Johannes den Täufer. Seine Geschichte wird von Anfang an erstaunlich parallel zu Jesu Geschichte erzählt:
Die beiden Mütter, Elisabeth und Maria treffen sich als sie beide mit ihren Söhnen schwanger sind. Den Eltern wurde jeweils durch einen Engel mitgeteilt, dass ihre Söhne jeweils eine besondere Aufgabe haben werden: Johannes soll das Volk vorbereiten auf Jesus und seine Botschaft – und mit Jesus soll Gott selbst in die Welt kommen.

Johannes ist ein Prediger in der Wüste. Ein wahrer Asket. Er verzichtet, um zu gewinnen. Er verzichtet auf die Annehmlichkeiten der Gesellschaft, isst Heuschrecken und wilden Honig, um selbst das Leben zu gewinnen. Er ruft die Menschen zur Umkehr auf. Sagt ihnen konkret, wie sie ihr Leben verändern sollen, um vor Gott bestehen zu können. Johannes hat großen Zulauf. Ein erfolgreicher Prediger, von dem die Leute viel erwarteten, auf den sie hören. Auch Jesus geht zu ihm, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes erkennt, wen er vor sich hat und sagt verwundert:

Sprecher: „Ich müsste von dir getauft werde, und du kommst zu mir?“

Autor: Johannes bemerkt, dass hier die Rollen vertauscht sind. Eigentlich müsste Johannes von Jesus, dem Sohn Gottes getauft werden, aber das Gegenteil passiert: Jesus lässt sich von Johannes taufen. Und über ihnen tut sich der Himmel auf und der heilige Geist wird sichtbar.

Diese Geschichte vom Rollenwechsel ist eine Weihnachtsgeschichte. Denn genau das ist Weihnachten: Gott und Mensch tauschen die Rollen. So wie Jesus die Rolle des Taufbewerbers bei Johannes eingenommen hat, so nimmt Gott die Rolle der Menschen ein, ja er wird Mensch, damit die Menschen den Himmel offen sehen können.
In einem Weihnachtschoral heißt es:

Sprecher: Er wechselt mit uns wunderlich:
Fleisch und Blut nimmt er an
und gibt uns seins Vaters Reich
die klare Gottheit dran.
Er wird ein Knecht und ich ein Herr;
das mag ein Wechsel sein!

Autor: Weihnachten ist die Geschichte des Rollenwechsels. Wir sind nicht länger festgelegt auf unsere alten Rollen, die wir schon immer gespielt haben. Wir sind nicht länger festgelegt auf oben und unten. Gott durchbricht selbst das Spiel und bietet einen unerhörten Rollentausch an. Er selbst wird Mensch, damit wir das Göttliche in uns entdecken können. Damit wir  Liebe und Vergebungsbereitschaft in uns entdecken können. Damit wir eine Ahnung vom Heil bekommen können, das für uns vorgesehen ist; darum kommt der Heiland der Welt und lässt sich von Johannes dem Täufer im Jordan taufen. So durchbricht Gott das, was wir schon immer von ihm gewusst und geglaubt haben. Johannes der Täufer bereitet uns auf diese Erkenntnis vor. Eine gesegnete Adventszeit!

Audiobeitrag Rollenwechsel


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen