Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.12.08, Michael Birgden

Die Rose

Für die Fahrt hatte ich mir grad noch auf die Schnelle nen Café Latte in dem üblichen Pappbecher geholt. Da kommt ein junger Mann über den Bahnsteig:

Bitte um eine kleine Spende.

Undenkbar, jetzt an mein Portemonnaie zu kommen. Da fehlt mir einfach die dritte Hand. Ich dreh mich also demonstrativ um.  Der Kelch geht an mir vorüber.

Mein Zug hat Verspätung. Da ich telefonisch niemanden erreiche, habe ich Zeit, den jungen Mann zu beobachten. Die meisten wenden sich ab wie ich, manche schütteln dazu noch entrüstest den Kopf. Dann kommt er zu einer jungen Frau. Sie zückt selbstverständlich ihr Portemonnaie – und lächelt. Nicht herablassend, nicht wohltätig, einfach nett – von Mensch zu Mensch. Und in diesem Moment erhellt sich auch der versteinerte Blick der jungen Mannes.

Vom Dichter Rainer Maria Rilke wird die Anekdote erzählt, dass er jeden Tag an einem Platz vorbei kam, an dem eine Bettlerin saß. Von einer Kollegin gefragt, warum er der Frau nie was gebe, sagte er: Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.

Ein paar Tage später, so heißt es, brachte Rilke ihr eine eben aufgeblühte weiße Rose mit und legte sie in die offene Hand der Bettlerin. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf - und ging davon. Eine Woche lang blieb ihr Platz leer. Dann saß sie wieder am gewohnten Platz. Wovon hat sie in den acht Tagen gelebt hat, fragte seine Kollegin. Rilke antwortete: Von der Rose …

Sprecherin: Christiane Birgden

 

Audiobeitrag Die Rose


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