Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.11.08, Pfarrer Uwe Rieske

Die Kunst des Wartens

„Wir waren vor zehn Minuten verabredet, Wolfgang“, sagte mein Kollege Thomas, als er den Raum betrat: „Wann kommst Du?“ Wolfgang blickte auf die Uhr:

„Sorry, Thomas“, sagte er: „Ich komme jetzt.“ – „Definiere: jetzt“, sagte Thomas und grinste: „Ich warte so lange.“

Liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Uwe Rieske. Ich arbeite als Evangelischer Pfarrer an einem Mädchengymnasium in Bonn. Heute beginnt der Advent. Es ist Zeit für die Kunst des Wartens.

Das Kirchenlied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, wird heute in vielen Gottesdiensten gesungen, „es kommt der Herr der Herrlichkeit.“ Mit dem Ersten Advent beginnen vier Wochen des Wartens und Erwartens. Am Heiligen Abend dann werden wir spüren und wissen: „Jetzt, wirklich jetzt ist Weihnachten.“

Musik: Macht hoch die Tür (Choralsatz)

Ich mag den Advent. Er ist nicht nur die Zeit der Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest, er ist auch Zeit der Erinnerungen. Ohne dass ich sie suchen muss, drängen sich Spuren vergangener Erlebnisse ins Gedächtnis. Aus den Dezembertage meiner Kindheit erinnere ich vor allem die Gerüche – die kalte, feuchte Luft beim abendlichen Nachhausekommen, den Geruch von Bratwurst und gebrannten Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt, den Duft nach Kerzen, Keksen und Tannengrün in unserem Wohnzimmer. Und auch den Geruch des ersten, sanft fallenden Schnees. Ja, auch den ersten Schnee kann man riechen, er riecht sanft, nass und schmelzend und mischt sich mit allen Gerüchen der Betriebsamkeit, die er mitten im Advent zudeckt. In meiner Kindheit konnte ich Weihnachten kaum erwarten.

Und heute? Der Trend geht dahin, weder den Advent abzuwarten noch das Weihnachtsfest. In Bonn ist der Weihnachtsmarkt schon zehn Tage geöffnet. Bald beginnen mitten im Advent die Weihnachtsfeiern; Betriebe laden ein, Kindergärten, Schulen, Parteien und Sportvereine. Überall wird gewichtelt, geschenkt und gefeiert. Bei all der unzeitigen Weihnachtsfeierei ist man, wenn Weihnachten dann wirklich da ist, womöglich schon ganz müde gefeiert.

Ist das Warten-Können unmodern geworden? Nicht nur die Autos sind in den letzten 50 Jahren erheblich schneller geworden, sondern auch die Zeitspanne, in der sie gefertigt werden. Die Bahn fährt von Hamburg nach München in fünfeinhalb Stunden. Die Post brauchte früher ein bis zwei Tage für einen Brief. Unsere E-mails erreichen in Sekundenbruchteilen ihre Empfänger – weltweit. Schnelligkeit ist ein Wettbewerbsvorteil auf den modernen Märkten. Wer rasch auf neue Trends reagiert, macht Gewinne vor der schlafenden Konkurrenz. Lieferungen kommen, wenn es klappt, wie es soll, „just in time.“ Wenn sich die erwartete oder versprochene Geschwindigkeit verzögert, durch Staus, Bahnverspätungen oder Verzögerungen bei der Post, erwacht Ärger, auch zum Weihnachtsfest. Pünktlich zum 24. Dezember sollen alle Vorbereitungen getroffen, alle Päckchen gepackt und alle Karten eingetroffen sein, eben „just in time“.

Der Advent liegt quer zum Trend der Schnelligkeit. Vier Wochen gehen wir auf einen besonderen Abend zu. Vier Adventssonntage liegen vor dem Heiligen Abend – Gelegenheit, den Dezember zu genießen mit seinen Gerüchen, Kerzen und Lichtern. Zeit, das Warten zu lernen.

Das heißt nicht, dass alles ganz beschaulich zugehen muss in den Dezembertagen. Kaum irgendwann ist es in den Städten hektischer als in den Wochen vor Weihnachten. Viele meinen, dass der Run auf die Innenstädte mit dem Sinn des Weihnachtsfestes kaum etwas zu tun hat. Ich finde das nicht. Weihnachten ist ein so besonderes Fest, dass man sich ruhig anstrengen kann mit den Vorbereitungen. Dazu gehört auch Geschäftigkeit. Wenn es schön werden soll, ist einfach viel zu überlegen und zu erledigen. An Weihnachten kann die wunderbare Stille der Heiligen Nacht sich um so fühlbarer ausbreiten, je liebevoller und sorgfältiger es vorbereitet ist. Geschäftigkeit und Erledigungen schließen das Warten-Können nicht aus.

Ich finde, der Advent ist eine Gelegenheit, um mitten in der Hektik das Warten zu kultivieren. Alle guten Dinge brauchen ihre Zeit. Warten können ist eine Stärke. Den rechten Zeitpunkt zu kennen und ihn nicht durch Ungeduld vorwegzunehmen, verlangt und gibt innere Kraft. Zeit des Wartens und Erwartens lässt sich gestalten.

Zugegeben, es gibt auch ein unerfülltes Warten, eines, das nur schwer zu ertragen ist.

(Sprecher:)
A: Komm, wir gehen!
B: Wir können nicht.
A: Warum nicht?
B: Wir warten auf Godot.
C: Ach ja.

In Samuel Beckets Stück „Warten auf Godot“ verbringen die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir an einem undefinierbaren Ort ihre Zeit. Sie warten auf einen Godot, den sie nicht kennen. Sie wissen von ihm nichts Genaues, nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt. Das Warten auf Godot hält die beiden davon ab, aufzubrechen, etwas zu beginnen. Aber Godot erscheint nicht. Das Warten auf ihn ist vergeblich. Bis zum Ende des Stücks wird überhaupt nicht klar, wer Godot ist und warum genau man auf ihn wartet. So verbringen Estragon und Wladimir ihre Zeit mit absurden Diskussionen und belanglosen Aktionen; Godot kommt einfach nicht.

Sprecher:
A: Wohin gehen wir?
B: Nicht weit.
A: Doch, doch, lass uns weggehen von hier!
B: Wir können nicht.
A: Warum nicht?
B: Wir müssen morgen wiederkommen.
A: Warum?
B: Um auf Godot zu warten.
A: Ach ja. (Pause) Ist er nicht gekommen?
B: Nein.
A: Und jetzt ist es zu spät.
B: Ja, es ist Nacht.
A: Und wenn wir ihn fallen ließen? (Pause) Wenn wir ihn fallen ließen?

(Aus: Samuel Beckett, Warten auf Godot, Deutsche Übertragung von Elmar Tophoven, edition suhrkamp 2419, Frankfurt a. M. 2003, ISBN 3-518-36501-0, S. 39 und S. 229)

Estragon und Wladimir können ihr Warten nicht beenden, weil der erwartete Godot nicht erscheint. Ihre Erwartung wird je länger je mehr sinnlos und inhaltsleer.

Auch das Christentum kennt die Erfahrung eines Wartens, das sich nicht in der gewünschten Form erfüllt. Die frühen Christen rechneten noch zu ihren Lebzeiten mit der Wiederkunft Christi als Weltenrichter. Noch die Grabriten in den römischen Katakomben zeigen diese Hoffnung auf eine baldige Auferstehung aller verstorbenen Christen. Aber Christi Ankunft ist ausgeblieben – bis heute. Dennoch ist seine Erwartung nicht sinnleer geworden wie die auf Godot. Die Geschichte des Christentums lässt sich auch verstehen als eine Kultur, mit dieser Erwartung zu leben. Es gilt sie wach zu halten. Die Hoffnung auf den wiederkommenden Christus gehört zum Christentum. Sie ist eine positive Kraft, um die geliehene Zeit zu gestalten. Manchen übrigens stellt auch der Advent diese Aufgabe. Wer Weihnachten einsam ist, für den ist der Advent die Zeit der gemischten Gefühle, vielleicht auch der Bitterkeit.

So kann man ganz unterschiedlich warten, geduldig oder gespannt, voller Vorfreude oder mit zunehmender Ernüchterung. Und es gibt auch ein je länger je mehr sinnloses und unerfülltes Warten – wie das auf Godot, der nicht kommt.

In meiner Familie gibt es verschiedene Erfahrungen mit dem Warten. Meine beiden Großväter waren Soldaten; der eine, der Vater meines Vaters, ist seit dem Januar 1945 vermisst. Die Mutter meines Vaters hat bis zu ihrem Tod vergeblich auf ihn gewartet. Jede Woche hörte sie mit ihren Kindern am Rundfunkapparat die Sendung des Roten Kreuzes mit den Namen der Kriegsheimkehrer. Sie wurde immer wieder enttäuscht. Widerstrebend hat sie meinen Opa schließlich für tot erklären lassen. Sein Grab kennen wir bis heute nicht.

Der Vater meiner Mutter hat als Soldat den Krieg überlebt. Er fand nach Kriegsende Arbeit auf einem Bauernhof in der Nähe von Bielefeld. Hier lebte er im Frühjahr 1946. Ob seine Frau und seine beiden Töchter, damals drei und fünf Jahre alt, noch lebten, wusste er nicht. Nach Monaten bangen und ungewissen Wartens kam eine Frau mit Koffer und zwei kleinen Mädchen über den Feldweg auf meinen Opa zu. Es dauerte etwas, bis er begriff, dass sein Warten ein Ende hatte.

Musik: Wie soll ich Dich empfangen (Choralsatz)

Auch der Advent erzählt viele Geschichten der Erwartung. Jesu Jünger hielten ihn für den ersehnten Messias, auf den Israel seit Generationen gewartet hatte. Johannes der Täufer rief Israel zur Buße, damit es sich auf das Kommen des Messias vorbereitete. Herodes ließ ihn ins Gefängnis werfen. Dort hörte Johannes von Jesus; so schickte er aus dem Gefängnis eine Nachricht zu ihm und ließ ihn fragen: „Bist Du es, der da kommen soll oder sollen wir auf einen anderen warten?“

Jesus hat nicht geantwortet: „Ja, ich bin der Messias, ich bin der erhoffte Retter des Volkes Israel, folgt mir!“ Er antwortete: „Gehet hin und sagt Johannes wieder, was ihr seht und hört: die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt; selig ist, der sich nicht an mir ärgert.“ Den Jüngern des Johannes wird die Entscheidung, ob ihr Warten vergeblich ist, damit nicht abgenommen. Sie werden auf das verwiesen, was sie sehen und hören können, auf dass sie in ihren Herzen spüren, ob ihre Erwartung erfüllt wird.

Johannes erhielt Antwort auf sein Fragen. Nichts ist quälender, als die Ungewissheit darüber, ob eine Erwartung berechtigt ist. Weihnachten werde ich mit einem kleinen Team der evangelischen Notfallseelsorge in Thailand verbringen. Wir werden mit Menschen feiern, die seit Weihnachten 2004 Angehörige vermissen, die im Tsunami an der Küste Thailands ums Leben kamen. Einige haben viele Wochen auf Nachrichten von ihren Partnern, Kindern, Eltern oder Geschwistern gewartet, die von der tödlichen Welle erfasst wurden. Manche Angehörige haben bis heute keine letzte Gewissheit, was mit den Ihren passiert ist. Nicht wenige leiden weiterhin schwer unter diesem Verlust, auch vier Jahre danach. Es zieht sie an den Ort, an dem sie ihre Angehörigen verloren haben. Mit ihnen werden wir Heiligabend feiern und zwei Tage später den Jahrestag der Katastrophe, den Zweiten Weihnachtstag verbringen. In der tropischen Wärme Thailands werden wir in Gedanken bei unseren Familien sein – bei den Angehörigen, die wir haben und bei denen, die wir verloren haben.

Das Geheimnis der Heiligen Nacht lässt sich ganz ohne Tannengrün, ohne Glocken und ohne jede Hoffnung auf Schnee auch in der tropischen Wärme Thailands spüren; es ist die Nacht, in der Gott Mensch wird. Es ist die Nacht, seiner Spur zu folgen. Sie ist klarer, liebevoller und durchsichtiger als alle anderen Nächte des Jahres. Das liegt an Gottes Gegenwart. Er, der schutzlos wie das Kind in der Krippe zu uns kommt, will, dass niemand allein ist mit seiner Trauer und mit seinen Erinnerungen. Gott wird Mensch in dieser Nacht, auf dass wir miteinander menschlich leben. Er will, dass das Evangelium, von dem Johannes in seinem Gefängnis hörte, weiter getragen wird, überall auf der Welt. Auf diese Nacht lohnt es sich zu warten und, wenn sie da ist, Gottes Nähe zu feiern.

Ich wünsche Ihnen einen schönen ersten Advent und eine gesegnete Zeit der Erwartung – und nach vier Wochen ein schönes Weihnachtsfest an dem Ort und mit den Menschen, mit denen Sie es feiern werden. Aus der evangelischen Kirche in Bonn grüßt Sie Pfarrer Uwe Rieske.

Musik: Die Nacht ist vorgedrungen (Choralsatz 1938)

Audiobeitrag Die Kunst des Wartens


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