Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.12.08, Pfarrer Rüdiger Schnurr

Ein Kind stellt unsre Welt auf den Kopf

Kinder sind ein Armutsrisiko – das ist in Deutschland die traurige Wahrheit, liebe Hörerinnen und Hörer. Gewiss trifft das nicht in jedem Fall zu.

Aber in zu vielen Fällen eben doch. Dass Kinder ein Armutsrisiko sind, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Das müsste nicht sein. Es wird so viel von Nachhaltigkeit geredet. In der Umwelt- und in der Energiepolitik macht man das schon länger. Neuerdings hat man das auch für die Neuorientierung der Finanzmärkte entdeckt. Am nachhaltigsten würde sich unser ganzes  Handeln ändern, wenn wir von unseren Kindern lernen würden, die Welt mit andern, ihren Augen zu sehen. Dass das für uns Erwachsene nicht immer schmeichelhaft ausgehen wird, zeigt das Märchen der Brüder Grimm vom Großvater und seinem Enkel:

Sprecherin: Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm nass.

Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. "Was machst du da?" fragte der Vater.

"Ich mache ein Tröglein", antwortete das Kind, "daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin." Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an. Fingen endlich an zu weinen, holten also fort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Alles wurde anders, als den Eltern von ihrem Kind die Augen geöffnet wurden. Aber das Märchen weist in seiner Allgemeingültigkeit weit über den Horizont der Familie hinaus. Was Menschen tun und was ihr Tun für Folgen hat, wird mit den unverdorbenen Augen und dem reinen Herzen eines Kindes betrachtet.

Damit kommen wir dem nahe, was Gott selbst bewogen hat, als Kind in dieser Welt geboren zu werden. Bei jedem Gespräch mit glücklichen Eltern, die ihr Kind zur Taufe anmelden, erfahre ich:, alles hat sich für sie total verändert. Ihre Welt ist eine andere geworden. Alles wird jetzt durch diese Brille gesehen: Wir haben ein Kind. Wir denken über vieles jetzt ganz neu nach. Und über vieles machen wir uns erst jetzt Gedanken.

In der Adventszeit denken wir daran, dass Gott in diese Welt gekommen ist: Als ein Kind, als der Sohn von Maria und Josef. In der Bibel steht beim Propheten Jesaja ein Satz, den wir im Blick auf dieses Kind auch für uns nachsprechen können: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“

Also: Es dreht sich alles um dieses Kind, dass unsere Welt auf den Kopf stellt. Wie in einer Familie soll es sein: Und das ist gut für die ganze Welt. Es ist gut für uns und für unsere Zukunft, aus dem Blickwinkel dieses Kindes Jesus, die Welt anzuschauen.

Das möchte ich mit Ihnen in den kommenden Tagen versuchen.

Audiobeitrag Ein Kind stellt unsre Welt auf den Kopf


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