Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.12.08, Pfarrer Rüdiger Schnurr

Der Wunder-Rat (die neue Gerechtigkeit)

Liebe Hörerinnen und Hörer, wir wollen in dieser Woche versuchen, die Welt mit den Augen eines Kindes sehen.

Nun aber nicht irgendeines Kindes, sondern mit den Augen von Jesus. Er ist nach Gottes Willen, der Mensch, der uns den Blick dafür öffnet, wie uns das Leben gelingt. Der Prophet Jesaja kündigte die Geburt eines Kindes an, mit dem alles anders, alles gut werden würde. Im Blick auf Jesus, können wir mit Jesaja sagen: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter!“ Und dann nennt der Prophet die Namen des Kindes. Vier sind es. In der Bibelübersetzung von Martin Luther lauten sie „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“.

So richtig kindlich klingen diese Namen zugegebenermaßen nicht. Nun ja, jedes Kind wird älter. Auch Jesus ist erwachsen geworden. Und er hat mit den Erwachsenen gesprochen. Er kannte ihre Probleme, er wusste um ihre Sorgen, ihm gingen ihre Lebensschicksale nahe. Er wurde aber nicht müde den Erwachsenen einzuprägen: Werdet wie die Kinder, denn den Kindern gehört Gottes Reich. Was doch nichts anderes heißt als, lasst euch einfach einmal wie die Kinder darauf ein, dass es Gott gibt, der es gut mit euch meint und der Wege hat, auf denen ihr gut gehen könnt, auch wenn sie euch zu abenteuerlich, zu unvernünftig vorkommen.

Kinder suchen sich ja nicht immer die bequemsten Wege aus. Das hat schon manche Eltern und Großeltern, die einen gemütlichen Sonntagnachmittagsspaziergang geplant hatten, arg strapaziert: Hier lockte eine große Pfütze vom letzen Regen zum Weitsprung, oder dort bot sich ein hoher und langer Holzstapel prima zum Klettern und Balancieren an. Das wäre ja auch zu einfach, zu vernünftig und zu langweilig drum herum oder dran vorbei zu laufen. Kinder brauchen es ausgefallen und schlagen immer wieder die guten und vernünftigen Ratschläge in den Wind.

Und Jesus? Er hat zu manch Außergewöhnlichem geraten. Mir fällt zum Beispiel ein, dass er in einem Gleichnis erzählt, wie ein Winzer über den Tag verteilt Arbeiter einstellt, die in seinem Weinberg arbeiten sollen. Fast stündlich stellt er zusätzlich Arbeiter ein und vereinbart mit ihnen als Lohn, „was recht ist“, wie er sagt. Da schaffen die einen zwölf Stunden, die anderen neun, sechs, drei und die letzten nur eine Stunde. Am Abend lässt er ihnen allen auszahlen, „was recht ist“, und alle bekommen eine Silbermünze. Jeder Arbeiter kann jetzt für seine Familie sorgen. Kein Kind muss am nächsten Tag hungern. Natürlich gibt es Ärger, denn die, die zwölf Stunden hart gearbeitet haben, reagieren ausgesprochen sauer. Am Ende fragt der Winzer seine Arbeiter, ob sie sich etwa darüber ärgern, dass er so gütig ist.

Was Jesus meint ist klar: Bei Gott geht es zuallererst einmal darum, dass jeder das zum Leben bekommt, was er braucht. Bei Gott wird nicht nachgerechnet, ob einer das Lebensnotwendige auch wirklich nötig hat. Er gibt es, weil es recht ist und er so gütig. Das ist das Wunderbare, das Jesus umgibt. So denkt in der Regel kein Erwachsener. Bei uns wird das, was einer zum Leben nötig braucht äußert knapp berechnet. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Hartz IV-Empfänger können ein Lied davon singen, ihre Familien, ihre Kinder vor allem. Gütig sind unsere Gesetze nicht. Und ob sie gerecht sind, sei dahingestellt.

Mit der Geschichte, die Jesus erzählt, wären weder die Gewerkschaften noch die Arbeitgeberverbände einverstanden. Es ist eben ein Gleichnis, wie es bei Gott wäre, und ob man sich nicht doch auch daran orientieren könnte.

Es ist noch längst nicht bewiesen, dass das nicht funktionieren würde. Es wäre eine neue Form von Gerechtigkeit. Keine Leistungsbezogene - sondern eine das Leben sichernde Gerechtigkeit. Wunderrat“ wird das Kind, das von Gott kommt, bei Jesaja genannt. Man könnte den Namen auch so wiedergeben: „Der Wunderbares plant.“ Ich höre den Einwurf: „Kinderkram!“ Ja, das ist es wohl und doch zugleich Gottes Sache.

Audiobeitrag Der Wunder-Rat (die neue Gerechtigkeit)


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