Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.12.08, Pfarrer Rüdiger Schnurr (Choralandacht)

Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt (eg 154)

Autor:Es gibt schon seltsame Heilige. Ich meine jetzt nicht solche merkwürdigen Zeitgenossen, die man ein wenig skurril oder verschroben findet und über die Witze gemacht

werden, die man aber im Großen und Ganzen für harmlose Zeitgenossen hält. Nein, ich denke an Menschen, die mit Fug und Recht die Auszeichnung „Heilige“ verdienen, auch wenn eine seltsame Überzeugung sie miteinander verbindet. Das ist mir so richtig erst als jungem Pastor vor nunmehr 25 Jahren bei der Vorbereitung für einen Gottesdienst aufgegangen. Ich bekam damals eine Predigt in die Finger, die ich mir bis heute aufbewahrt habe. Der schwäbische Pfarrer Christian Troebst erzählt darin von drei solcher seltsamen Heiligen:

Anfang des 19 Jahrhunderts lebte auf der Balinger Alb der schwäbische Pfarrer Philipp Matthäus Hahn. Er war ein herzensfrommer Mann – und zugleich ein begnadeter Techniker. Er entwickelte Rechenmaschinen, Waagen und Uhren und war eigentlich der erste Entwicklungshelfer in Württemberg. Die Krönung seiner Leistung war eine „Weltenuhr“, die von Kaisern und Königen respektvoll in Stuttgart bestaunt wurde. Aber plötzlich - im Jahre 1836 blieb die Uhr stehen. . .

Musik:  

Hahn hatte eine Sperrvorrichtung eingebaut, weil sein Lehrer Johann Albrecht Bengel für dieses Jahr die Wiederkunft Christi und den Anbruch des Tausendjährigen Reiches errechnet hatte.

Musik

Um eben diese Zeit trat ein anderer schwäbischer Pfarrer, Johann Christoph Blumhardt, seinen Dienst in Möttlingen bei Calw an. Schon bald begann die lange seelsorgliche Begleitung einer Frau, die ein schweres seelisches Leiden zu tragen hatte. Es war eine anstrengende Zeit,  aber sie endete schließlich mit einer wunderbaren Heilung von der Krankheit. Für die Frau war es wie eine Befreiung. Alle, die dabei gewesen waren,

Musik:

siedelten alsbald über nach Bad Boll, um hier die Ankunft Christi zu erwarten. Immer stand für Blumhardt eine Kutsche bereit, damit er dem Herrn Jesus entgegenfahren könnte, wenn er demnächst, wie Blumhardt überzeugt war, wiederkommen würde.

Musik  

Als er aber zu seiner eigenen Überraschung im Jahre 1880 doch starb, da war in Westfalen bereits ein anderer Mann unterwegs, um zum ersten Mal im großen Stil Anstalten für geistig und seelisch Behinderte zu bauen. Aber derselbe Pastor Bodelschwingh, der einerseits ein Finanzgenie und Organisationstalent erster Ordnung war,

Musik: 
                                                                                   
wurde andererseits nicht müde, über die Baustellen zu laufen und den Handwerkern zuzurufen: Macht's doch nicht so gründlich - wir brauchen die Anstalten ja nicht lange. Der Herr ist ja so nahe!"                                                     

Choral: Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt, dass unser Licht vor allen Menschen brennt! Lass uns dich schaun im ewigen Advent! Halleluja, Halleluja!         
                                     

Damals habe ich verstanden, was den Glauben an Jesus Christus so unwiderstehlich macht. Diese kurzen biografischen Notizen hatten mehr Überzeugungskraft als alle klugen Abhandlungen über den Sinn der theologischen Rede von der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten. Seltsam ist das ja schon, was sich diese drei Männer so vorgestellt hatten, wie sich das abspielen würde, wenn Jesus wiederkommt. Und vor allem, dass es so bald geschehen würde.

Doch sich über ihre verzeihlichen Irrtümer über den Zeitpunkt und die skurrilen Umstände der Wiederkunft Jesu zu erheitern ist das eine, das andere wiegt viel schwerer: Gerade ihre seltsamen Überzeugungen brachten sie auf wegweisende Gedanken, durch die sie Dinge taten, die wirklich erstaunlich und bahnbrechend gewesen sind.

Für sie war die Wiederkunft Jesu am Ende der Zeiten, sein kommender ewiger Advent, keine Gedankenspielerei, sondern sie waren bewegt von der Vorstellung, wie das sein würde, wenn sie noch zu ihren Lebzeiten dem lebendigen Jesus Christus Aug in Aug gegenüberstehen würden.

Pfarrer Troebst beschreibt das in seiner Predigt so:

Sprecher: „Den Philipp Matthäus Hahn machte dieser Gedanke fähig, in der ärmsten Ecke seines armen Vaterlandes eine blühende Industrie ins Leben zu rufen. Den Johann Christoph Blumhardt machte dieser Gedanke fähig, körperlich und seelisch Kranken in einer Weise zu helfen, die die Ärzte seiner Zeit vor Neid erblassen ließ. Und den Friedrich von Bodelschwingh machte dieser Gedanke fähig, einem ganzen Volk, ja einer ganzen Welt deutlich zu machen, dass sich Wert oder Unwert einer Gesellschaft auch daran bemisst, wie sie mit ihren Verrückten umgeht."       

Choral: Tief liegt des Todes Schatten auf der Welt. Aber dein Glanz die Finsternis erhellt. Dein Lebenshauch bewegt das Totenfeld. Halleluja, Halleluja!                                 

Autor: Der Tod und die Schatten, die er auf die Welt wirft, sind vielfältig, Hahn, Blumhardt und Bodelschwingh haben jeweils beispielhaft an ihrem Platz gegen solche Schatten des Todes angekämpft: gegen Armut, gegen Depressionen und Obsessionen, gegen Krankheiten des Geistes und des Leibes. Sie waren Menschen im Advent. Menschen, die sich nicht davon abbringen ließen, zu glauben, dass seit Ostern der Lebenshauch Gottes das Totenfeld, das diese Erde im Grunde ist, beseelt und bewegt. Und weil Ostern geschehen ist,

Musik:

wird es auch dahin kommen, dass der lebendige Jesus einmal – und sie meinten ganz bald – wiederkommt. Seltsame Heilige - diese Menschen für die immer Advent gewesen ist, und die sich in ihrer Hoffnung, dass durch Jesus einmal alles gut werden wird, nicht beirren ließen.    

Choral: Welch ein Geheimnis wird an uns geschehn! Leid und Geschrei und Schmerz muss dann vergehn, wenn wir von Angesicht dich werden sehn. Halleluja  Halleluja

Autor: Genau das macht wohl einen wahren Heiligen aus, immer so zu leben, als ob man ganz bald Jesus Aug in Aug gegenüber steht - und geben wir es ruhig zu, Heilige haben für uns immer etwas Seltsames an sich. Doch, was hat das Lied, das wir hören, mit den Heiligen zu tun?

Musik:

Den Text des Chorals „Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt“ hat Anna Martina Gottschick 1972 geschrieben. Die Melodie dazu gibt es schon über 100 Jahre. Sie wurde von Ralph* Vaughan-Williams 1906 komponiert. Schon bald verband sie sich mit dem Text der Hymne „For all the Saints“, die in der Anglikanischen Kirche zum Allerheiligentag angestimmt wird.
Sie gehört zu den bekanntesten und für viele auch zu den schönsten englischen Kirchenliedern:

Sprecher: For all the Saints, who from their labours rest, who thee by faith before the world confessed, Thy name, O Jesus, be forever blessed, Alleluja, Alleluja. 

Musik

Autor: Der Komponist gab seiner Hymne aber den Titel: Sine nomine, die Namenlose. Ich nehme es als Anregung, unser Lied für alle die Namenlosen anzustimmen, die keine eigene Stimme haben, mit der sie auf sich aufmerksam machen. Für die vielen Namenlosen auf dieser Erde, die im tiefsten Elend stecken. Gott aber sind sie nicht unbekannt. Für sie sollen die Heiligen, die Christen, ihre Stimme erheben. Für sie den Namen Jesus ausrufen und bekennen, dass er der wiederkommende Herr ist, der danach fragt, wie wir unserer Verantwortung den Menschen gegenüber gerecht geworden sind. Er fragt uns, ob wir mit wachem Verstand und grenzenlosem Vertrauen zu ihm gebetet und gearbeitet haben.

Menschen im Advent. Sie beten: Warte nicht mehr so lange mit deinem Kommen, Herr. Seltsame Heilige – sind aber mit Gottes Hilfe unglaublich effektiv.                                       

Choral: 5. So mach uns stark im Mut, der dich bekennt, dass unser Licht vor allen Menschen brennt! Lass uns dich schaun im ewigen Advent! Halleluja, Halleluja!        

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrer Rüdiger Schnurr aus Hilchenbach über den Choral “ Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt“. Es sang der Jubilate-Chor unter der Leitung von Wilfried Mann.

Audiobeitrag Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt (eg 154)


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