Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.11.08, 10.00 Uhr, Pfarrer Peter Vahsen

Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde hier in der Petrikirche und am Radio. Der letzte Sonntag im Kirchenjahr trägt einen schweren Namen: Totensonntag oder auch Ewigkeitssonntag. Er verweist uns auf eine Kenntnis, die wir alle haben und doch auch gerne vergessen möchten. Es wird ein Ende geben, mit der Welt, mit uns, mit mir. Und mit diesem Wissen kommt die Angst. Die Angst vor dem Tod, vor dem Ende.

Diese Angst kann sich unterschiedlich ausdrücken: wenn ich in meinem Leben zurückblicke, dann war da die Angst vor der atomaren Katastrophe, die Angst vor der Klimakatastrophe, heute vor der Energieknappheit. Unsere Unsicherheit im Leben findet  immer neue  Formen und Inhalte…

Das Ende eines Menschenlebens haben viele von Ihnen im letzten Jahr erfahren müssen. Sie sind unter uns, sind am Radio, die Sie im letzten Jahr, in den letzten Monaten einen lieben Menschen  verloren haben.

Sie trauern um einen nahen Angehörigen, um einen guten Freund, um einen lieben Nachbarn. Die Verbindung ist abgerissen, zerstört worden durch den Tod.

Einsam bleiben sie zurück. Viele finden nachts keinen Schlaf, Tage erscheinen sinnlos, sind leer... Dabei immer wieder das Gefühl, als würde Ihnen die Luft zum Atmen genommen. Sie fühlen sich vom Leben isoliert, vom bunten Treiben, von den fröhlichen Gesichtern. Niemandem kann diese Erfahrung erspart bleiben:
• Entfliehen können wir dem Tod nicht.
• Ein Herumreden gibt es nicht, das ahnen wir.
• Umschreibungen nützen nichts, das spüren wir.

Der Tod kommt auf uns zu: mit diesem Gedanken zu leben, das schaffen wir kaum. Zu fremd, zu bedrohlich ist der Gedanke an den Tod, an den eigenen Tod zumal... Menschen zu allen Zeiten waren diese Gedanken nicht fremd und immer versuchten sie, auf ihre Weise damit fertig zu werden, ihnen möglicherweise sogar etwas Positives abzuringen. In der Verkündigung des Jesus von Nazareth haben viele dieses Positive und  auch Tröstliches gefunden. Einer hat es in einem Brief niedergeschrieben. Wir hören aus dem zweiten Brief des Petrus:

Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden. Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, 
die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden. Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. 

Der Text handelt vom Ende aller Dinge, aller Geschichte: die Menschen werden ihr Ende haben, aber auch die Erde, die ganze Schöpfung. Nichts wird mehr so bleiben, wie es ist. Wann wird das sein?  Niemand weiß es, keiner kann es verantwortlich sagen…
Tausend Jahre sind bei Gott wie ein Tag. Nichts beschreibt deutlicher unsere Unzulänglichkeit, unsere Unfähigkeit, das Ende zeitlich zu bestimmen.

Aber auch das ist klar: ein Ende zu haben, das ist nicht nur eine menschliche Eigenschaft, sondern auch das Kennzeichen des Irdischen.
Die Schöpfung, all das, was uns umgibt, hat einen Anfang, aber auch ein Ende. Zunächst einmal, liebe Gemeinde, ist dieser Gedanke nur bedrohlich, auch für mich. Denn auch ich persönlich habe ein Ende. Ich werde sterben, werde eines Tages nicht mehr unter den Lebenden sein. Das ist kein schöner Gedanke. Doch je mehr ich ihn erlebe, je weiter ich auf ihn zugehe, hält  er für mich auch etwas Tröstliches bereit. Ich gehe auf ein Ende zu, ich bin nicht auf ewig an einen Zustand gebunden, ich bin nicht ewig verantwortlich.
Es kommt ein Zeitpunkt, da werden mir alle Dinge aus der Hand genommen, die einst hineingelegt wurden.

Mit ist das Leben gegeben worden als ein Geschenk. Ich übernehme Verantwortung für eine begrenzte Zeit, dann wird sie mir wieder genommen. Ein tröstlicher Gedanke: auch die Last, die das Leben so mit sich bringt, wird ein Ende haben. Aber auch die Freude, das Hochgefühl des Lebens: werden sie nicht erst durch die Begrenzung kostbar, werden sie nicht dadurch erst zum Besonderen,  dass Leben nicht von ewiger Dauer ist. Ich erlebe intensiver, tiefer, denn ich weiß: Morgen kann durch Krankheit oder Tod alles anders oder vorbei sein.

Die Klugheit des Menschen kommt aus dem Bewusstsein seiner Endlichkeit. Der bornierte Mensch lebt ohne das Bewusstsein: es wird ein Ende mit mir haben.  Denn keiner weiß die Stunde, sie kommt plötzlich. Das klingt nicht nur bedrohlich, so  ist es auch. Wir  schieben diese Gedanken oft beiseite, reden nicht übers Ende, schon gar nicht über unser eigenes. Bedenken eben nicht, dass wir sterben müssen und leben weiter, als lebten wir ewig.

Dann verpassen wir  Situationen aus unserem Leben, die nicht mehr nachzuholen  sind: das Wort, das ich noch sagen wollte, die Reise, die wir immer noch machen wollten. Der Briefschreiber mahnt uns zum Nachdenken, deutlicher: zum Umdenken, Buße wird es hier genannt: Nimm jeden Tag, nimm das Leben neu wahr, erlebe auch Freude neu und intensiver.

Leben im Angesicht des Todes bedeutet: jene Klugheit zu entwickeln oder sie wach zu halten, dass wir nur eine begrenzte Zeit hier auf der Erde haben. Das gibt dem Tag, den ich erlebe, eine neue Qualität, es gibt dem Heute, jeder Stunde eine Einmaligkeit, die mir dieses Leben ganz wertvoll macht.  Ich fühle mich in Gottes Hand.

„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Unser Text handelt nicht nur vom Tod, sondern auch vom Leben. Wir warten auf ein großes Ereignis, das Kommen Gottes. Erwartet wird zwar der Tod, endgültiges Verderben, das Ende aller Zeiten, der Weltuntergang:

Aber Gott kommt und mit diesem Kommen Gottes wird unser ganzes Weltbild, unsere ganze Anschauung von Leben und Tod mit einem anderen Vorzeichen versehen. Schließlich bedeutet dieses Kommen Gottes:  endgültig, für immer und ewig, ist das Leid ebenso wie  der Tod  in dieser Welt besiegt.

Keiner weiß, wann das sein wird, aber dass Gott kommt, dass er am Ende aller Zeiten sein Reich aufrichten wird, gehört zu den Überzeugungen unseres Glaubens. So wird uns die Zeit, unsere Lebenszeit anvertraut. In ihr erleben wir weiterhin, was uns beschwert, aber auch was uns froh stimmt. Uns werden nicht einfach Lasten abgenommen, wir leben nicht in einem paradiesischen  Zustand, aber die Zeichen des neuen Himmels ragen in unser Leben, prägen unser heutiges Leben, können es heute schon hell machen.

So werden die Menschen, die heute Trauer tragen, getröstet werden. Sie alle, die Sie jetzt Leid erfahren, können  in der Hoffnung und Gewissheit leben: Gott wird alle Tränen abwischen. Das Leben, neues Leben,  dringt in unsere Wirklichkeit hinein. Diese Bewegung nimmt ihren Anfang in der Schöpfung der Erde und der Kreaturen, über den Bund mit Noah und Abraham wird sie weiter getragen, prägt die Menschheit, jeden Menschen  mit seiner Geschichte. In der Auferstehung Jesu findet sie ihre sichtbare und endgültige Zusage: dein Leben, Mensch, ist bei Gott aufgehoben, es wird von deinem Gott beachtet und bewahrt. Du gehst auf eine immerwährende Geborgenheit zu.

Auch wenn wir jetzt noch andere Erfahrungen machen, auch wenn der Tod noch unser Leben bestimmt, die Trauer uns noch beherrscht: Gott wird kommen, er bringt Leben. Wir wissen: unser Leben - auch die Fülle des Lebens – ist nicht ohne Leid zu denken. Viele von Ihnen haben das schmerzlich erfahren müssen. Doch wollen wir den Sinn des Lebens nicht nur in Gesundheit, Reichtum und Kraft sehen. Erfülltes Leben findet auch in der Schwachheit, auch mit dem Leiden, auch in der Trauer statt. Dieses kann ich deshalb so deutlich sagen, weil wir mit diesen Erfahrungen in Gottes Geschichte stehen, und die hat ein Ziel.

Gott will das Leben: dieser Ruf ist seit der Auferstehung Jesu nicht mehr zu verfälschen, nicht mehr umzukehren. Dieser Gott schafft Leben,  aus diesem Gott kann niemand unter der Hand einen Todesengel machen. Also: Geht sorgfältig mit eurem Leben um. Seid wachsam, wenn es um die Stunden und Jahre eures Lebens geht, seid wachsam, wenn es darum geht, geschenkte Zeit wahrzunehmen.
Seid wachsam. Gott wird kommen, und mit Gott kommt neues Leben. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in  Christus Jesus. Amen

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 26.12.2008 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Marienkirche Stift Berg in Herford übertragen. Die Predigt hält Superintendent Gerhard Etzien.


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