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Volkstrauertag: Worum soll ich trauern?
Volkstrauertag. Ein Tag gegen das Vergessen. Ein Volk wird aufgefordert zu trauern. Kann man Trauer weitergeben an die folgende Generation?
Um was soll ich da trauern so fragen gerade Menschen aus der jungen Generation. Ihnen ist dieser Tag zunehmend fremd geworden. Sie kennen niemanden mehr, der in Kriegszeiten gelebt und gelitten hat.
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich bin Pfarrerin auf dem Jugendhof Vlotho, dem Bildungszentrum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.
Warum dieser Tag der Volkstrauertag? Historisch betrachtet ist das ganz klar: 1919 schlägt der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge vor, einen Gedenktag für die Gefallenen des ersten Weltkrieges einzurichten. 1926 wird entschieden, ihn jeweils am fünften Sonntag vor Ostern zu begehen. Allerdings kann man sich für einen gesetzlichen Feiertag nicht entscheiden, weil viele einen Kriegshetzertag befürchten.
Im Nationalsozialismus wird daraus der Heldengedenktag. Aus dem Totengedenken wird Heldenverehrung, was sich auch darin zeigt, dass die Flagge nicht mehr halbmast, sondern vollstock gesetzt wurde.
1948 wird dann die Tradition des Volkstrauertages wieder aufgenommen. In der BRD wird er in Abgrenzung zum Heldengedenktag 1952 auf den vorletzten Sonntag des Kirchenjahres verlegt. Der aufrichtige Umgang mit unserer Vergangenheit setzt voraus, dass wir aller Opfer gedenken, die durch Vernichtungskrieg und Völkermord, Bombenangriffe, Flucht und Kriegsgefangenschaft ums Leben kamen.
Soweit die Geschichte. Und heute? Immer häufiger wird gefragt, was nachfolgende Generationen damit zu tun haben, ob sie überhaupt daraus lernen können. Trauer ist keine pädagogische Veranstaltung. Trauern kann ich dann, wenn ich emotional betroffen bin. Wenn ich etwas verloren habe und mein Leben ärmer geworden ist. Trauern kann ich aber auch, wenn ich mich in andere Menschen einfühle. Indem ich mich berühren lasse von dem Schicksal eines anderen Menschen.
Mir ist das in einer Ausstellung so gegangen, die letzte Woche in der Auferstehungskirche in Bad Oeynhausen eröffnet worden ist. Sie zeigt Texte und Bilder von Kindern aus dem Konzentrationslager Theresienstadt, und einer dieser Texte hat mich nicht losgelassen.
Sprecherin: Durch unser Ghetto zieht ein neuer Schrecken, bedroht mit böser Krankheit groß und klein. Man sieht den Tod die Sense vor sich strecken, so lechzt nach Opfern er in arger Pein.
Ich bin noch da, bin noch ein lebend Wesen, indes die Freundin schon im Jenseits weilt, ich weiß nicht, ob´s nicht besser wär gewesen, hätt´ mich mit ihr zugleich der Tod ereilt.
Nein, nein, mein Gott wir woll´n doch leben, du darfst nicht lichten unsre Reih´n, wir woll´n nach einem bessren Morgen streben, dann wird ja so viel Arbeit sein.
Eva Pickova ist erst 13, als sie 1942 in Theresienstadt dieses Gedicht schreibt. Ich spüre ihren ungeheuren Schrecken über das, was da passiert. Aber sie lässt sich von Schrecken und Trauer nicht lähmen. Sie gibt ihnen Worte, und sie findet den Mut, für eine bessere Welt zu kämpfen.
Musikeinspielung
Ein Jahr später wird Eva Pickova in Auschwitz ermordet. Obwohl das so lange her ist, macht mich das traurig. Ich trauere um ein Mädchen, das ich nie selbst gekannt habe, trage dazu bei, dass ihr Schicksal nicht dem Vergessen anheimfällt. Wo mich ein Schicksal berührt, kann das gelingen. Worte schaffen eine Verbindung über die Zeit hinweg. Doch das löst die Frage nach dem Volkstrauertag nicht: Wofür soll ich trauern? Wo bin ich betroffen? Welche Verluste soll ich betrauern über 60 Jahre danach? Wo kann ich spüren, wie diese Zeit mein Leben beeinträchtigt und trauern über etwas Verlorenes oder nie Gehabtes? Aus den Alten Israel wird ein Sprichwort überliefert:
Sprecher: Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden.
Das mit den stumpfen Zähnen kenne ich: Wenn ich etwas Saures gegessen habe bei mir ist das meistens Rhabarber-, dann bleibt ein stumpfes oder pelziges Gefühl auf den Zähne zurück eine direkte Folge der Säure auf meinen Zähnen, sehr unangenehm. Das dies der nächsten Generation weitergegeben werden könnte, ist in sich schon absurd. Zudem scheint es den Erfahrungen zu widersprechen. Nirgends sind Wirtschaft und Wohlstand so rasant gewachsen wie im Nachkriegsdeutschland - als habe es von dem Krieg eher profitiert. Sind wir nicht eher Nutznießer dieser Entwicklung?
Erst, wenn ich genauer hinsehe, bekomme ich die Opfer und die Spuren des Krieges zu Gesicht: die abgebrochenen Lebensentwürfe: die Leben, die nicht gelebt werden konnten. Die jüdische Bevölkerung, die fast ganz verschwunden ist. Die Kinder, die ohne Väter und Mütter aufwachsen mussten. Auch mitten im Aufschwung bleiben unsere Großeltern und Eltern eine traumatisierte Generation: Menschen, die das Grauen überlebt haben, indem sie lernten, zu arbeiten und zu kämpfen, ohne zu erinnern und zu fühlen. Menschen, die nach vorn gesehen und die ihre Pflicht getan haben. Denen wir unser Leben verdanken. Menschen, die die Gewalt, die sie erleben mussten, ihre Wut und ihre Trauer in sich verschlossen haben. Ihre Erinnerung und ihre Trauer durften nicht fließen, damit sie handlungsfähig blieben.
In den Nachkriegsjahren hat neben der Verdrängung eine eigenartige Empfindungslosigkeit das Klima geprägt. Wo emotionale Verbundenheit und Vertrauen nicht gefühlt werden konnten, konnten sie auch schwer weitergegeben werden. Und manchmal spüren wir bis heute eine eigenartige soziale Kälte in unseren Familien. Familiengeheimnisse und Traumata, die transgenerational weitergegeben werden. Wo fühlen nicht möglich ist, bleibt Fürsorge sehr technisch. Viele Eltern haben sich sehr bemüht und ihr Bestes gegeben und doch war es zu wenig für die Kinder mit ihrem Fragen und Suchen nach Sicherheit und Geborgenheit. Eine Leistungsgesellschaft ist entstanden, in der individuelle Leistung, Flexibilität und Freiheit einen hohen Wert haben, während Gemeinschaft und Verbundenheit, Mitfühlen und Verantwortung eher am Rand stehen.
Die seelischen Narben von Gewalt und Tod wirken fort in Familiendynamiken und im sozialen Klima bis heute. Noch immer leiden viele an den Folgen zweier Weltkriege und nationalsozialistischer Schreckensherrschaft. Vielleicht wird ja erst jetzt möglich, wirklich darüber zu trauern, wo die Distanz erlaubt, die Starre zu lösen und einen Blick zu bekommen für die Geschichte und die Zusammenhänge.
Erst dann kann ich trauern über das, was mir gefehlt hat an Sicherheit und Verbundenheit, an der Möglichkeit mich wertvoll zu fühlen, ohne etwas zu leisten. Trauern kann ich auch über das, was mir nicht möglich ist: darüber, dass Angst und Wut und Sorge mein Handeln oft mehr prägen als Gefühle von Verbundenheit und Verantwortung und Fürsorge. Trauen kann ich darüber, dass auch ich weitergebe, was ich erlebt habe, dass ich Teil bin in der Kette der Weitergabe des Traumas von Generation zu Generation. Und ich frage mich: Muss das denn immer so weitergehen? Ist das ein unentrinnbares Schicksal?
Musikeinspielung
Sprecher: Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden.
Überliefert wird dieses (..) Sprichwort durch den Propheten Ezechiel, der zur Zeit des Babylonischen Exils lebte. Damals war die Oberschicht Israels von den siegreichen Babyloniern deportiert worden. Auch 60 Jahre danach saßen sie noch an den Wassern von Babylon und weinten über ihre Heimatlosigkeit und ihre Gefangenschaft. Viel unmittelbarer als wir bekamen sie die Folgen des Krieges zu spüren. Immer lauter wurde da die Frage: Wie lange müssen wir die Schuld früherer Generationen tragen? Hört das denn nie auf, dass wir die Suppe auslöffeln müssen, die andere uns eingebrockt haben? Und Ezechiel berichtete die Antwort Gottes:
Sprecher: Dies Sprichwort soll nicht mehr umgehen in Israel. Denn, siehe, alle Menschen gehören mir, die Väter so gut wie die Söhne.
Der Gedanke einer individuellen Verantwortung scheint auf: eine neue Hoffnung für das Leben des Einzelnen, die nicht mehr in der Erfahrung gründet, sondern im Lebenswillen Gottes für jeden einzelnen.
Sprecher: Meinst du etwa, dass ich Gefallen habe am Tod der Gottlosen, spricht Gott, der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehre von seinen Wegen und lebe?
Das Geschick des Menschen vor Gott ist nicht mit seiner Zugehörigkeit zu einem Volk und zu einer Generation entschieden. Umkehr ist möglich Abkehr von dem unheilvollen Weg. Möglich wurde diese Umkehr in Israel durch die Trauer, durch die Tränen, die an dien Wassern von Babylon geweint wurden und durch den schonungslosen Blick auf die Geschichte. Im babylonischen Exil entstanden die Geschichtsbücher der Bibel mit ihrem kritischen Blick. Indem aber die Geschichte klar wird und die Trauer zu fließen beginnt, wird die Trauer sanfter, wandelt sich zu Wehmut: der Schnittstelle zwischen altem Weh und neuem Mut. Und in dem neuen Mut liegt wieder Hoffnung. Die Gegenwart bekommt wieder eine Chance. Mit diesem Mut können wir die Gegenwart neu gestalten. Die Nachgeborenen sind nicht in Vergangenheit gefangen, aber sie müssen Antwort geben können auf die Frage: Was haben wir aus der Vergangenheit gelernt? Worin besteht unsere Umkehr? Und dieser Umkehr verspricht Gott das Leben.
Volkstrauertag ist ein Datum, das uns daran erinnert: an die Chance umzukehren und Verantwortung zu übernehmen, um aus der Vergangenheit zu lernen. So wird es möglich Verbindung herstellen, Verbundenheit zu leben und der Hoffnung Gestalt zu geben. Wo das gelingt, kann Neues entstehen. Denn sie bleibt für alle Generationen unaufgebbar: die Hoffnung, dass es möglich ist, für eine bessere Welt zu arbeiten - die Arbeit weiterzuführen, die Eva Pickova so gern getan hätte und nicht mehr tun konnte, weil sie in Ausschwitz ermordet wurde:
Sprecherin: Nein, nein, mein Gott wir woll´n doch leben, du darfst nicht lichten unsre Reih´n, wir woll´n nach einem bessren Morgen streben, dann wird ja so viel Arbeit sein.
Aus der Wehmut ist Mut geworden auch bei mir. Mut, mehr Verbundenheit und Solidarität zu leben in der Hoffnung auf Gott, der will, dass wir leben. Ich verabschiede mich von Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich wohne in Bielefeld.
Musik
Volkstrauertag: Worum soll ich trauern?
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